Schwarzes Tuch erinnert schamvoll
an ein dunkles Kapitel der Erlanger Geschichte
"Deckt mich zu, keiner soll mich sehen",
sagt der Erlanger Schlossplatz – zumindest im Gedicht des
Schriftstellers Habib Bektas. Schamvoll erinnern diese Worte an
ein dunkles Kapitel in der Erlanger Geschichte: Am 12. Mai 1933
hatten nationalsozialistisch gesonnene Studenten auf dem Schlossplatz
in Erlangen Bücher verbrannt.
Am 12. Mai 2002, dem 69. Jahrestag, trug
der Schlossplatz Trauer: Die Universitätsstadt verhüllte
den Ort der nationalsozialistischen Kulturvernichtung mit schwarzem
Tuch. 3000 Quadratmeter Stoff sparten lediglich die Stelle aus,
an der eine Gedenktafel an die makabre Veranstaltung erinnert. Das
Gedicht von Bektas flankierte auf zwei Transparenten – einmal
in deutscher, einmal in türkischer Sprache – das Markgrafenschloss.

Finanziert hatte die Aktion MAUSS-Geschäftsführer
Reinhard Daeschler, die Idee kam von dem in Erlangen lebenden Schriftsteller
Habib Bektas. Das ursprünglich auf dem Schlossplatz geplante
Konzert des Pianisten Lukas Maria Kuen wurde aufgrund heftiger Regenfälle
in die Orangerie verlegt. Kuen spielte unter anderem Werke von Erwin
Schulhoff und Viktor Ullmann sowie von weiteren Komponisten, die
unter dem NS-Regime verfemt oder verfolgt wurden.
In vielen deutschen Städten brannten im
Frühjahr 1933 die Scheiterhaufen. Von sogenannten "Feuersprüchen"
begleitet, übergaben Studenten, Professoren und Organe der
Nationalsozialisten ein Stück deutsches Kulturgut den Flammen.
Vernichtet wurden unter anderem die Bücher von Karl Marx, Heinrich
Heine, Sigmund Freud, Thomas Mann, Heinrich Mann, Erich Maria Remarque,
Bertolt Brecht, Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky
und Alfred Kerr. Weite Teile des deutschen Bildungsbürgertums
fassten die Kulturbarbarei damals als "studentischen Bierulk"
auf. Auch im Ausland verkannte man lange Zeit die fatale Bedeutung
der Kampagne: "Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt
man am Ende Menschen" (Heinrich Heine).
schlossplatz
stolz
ich bin die vergangenheit, sagt er,
und die zukunft
wenn man ihn fragt, warum
zeigt er seine menschenmengen
einmal im jahr neigt er das haupt
weint, die augen geschlossen
-12. Mai-
deckt, sagt er, deckt mich zu
keiner soll mich sehen
habib bektas
© mauss,
2003 |