Startseite
aktuell
Bibiografie
Kritiken
Leseproben
über Habib Bektas
kontakt
Fotos: ©Bernd Böhner
aktualisiert am: 01.12.2005 10:47

Leseproben

Gölge Kokusu / Schattendunst
Inkilap Kitabevi, Istanbul 1997

I. Teil

Ich habe keine Mutter. Ich habe eine, aber sie ist nicht da. Denn sie ist nicht nach Hause gekommen. Wir warten, aber sie kommt nicht. Ich habe geschlafen, bin aufgewacht, und trotzdem ist meine Mutter nicht da. Ich mache die Augen zu. Ich zähle bis hundert. Wenn ich bis hundert zähle, wird meine Mutter kommen, sage ich. Ich mache die Augen auf und schaue mich um; meine Mutter ist dennoch nicht da! Aber ich weine nicht. Kirli weint. Ich sage zu Kirli: „Wein doch nicht."
Tante Nurten kann nicht nach Hause gehen. Meine Mutter ist doch nicht da! Tante Nurten geht nicht vom Fenster weg. Ich zupfe dauernd an Tante Nurtens Rocksaum. Sie wird wütend auf mich. Wenn sie wütend wird, kommt ihr Schnurrbart noch deutlicher zum Vorschein. Auf Tante Nurtens Lippen sind Härchen wie ein Schnurrbart. Tante Nurten ist nicht hübsch. Meine Mutter ist hübsch. Tante Nurten riecht immer nach Küche. Das ist kein schlechter Geruch. So etwas wie Essensgeruch. Meine Mutter duftet nach Gras. Meine Mutter duftet nach Frühling. Das ist Kirlis Duft, das ist mein Geruch. Aber ich kann nicht erkennen, was für ein Geruch das ist. Ich kenne jedermanns Geruch, aber meinen eigenen Geruch kenne ich nicht. Ich sage zu Kirli: „Wein doch nicht! Unsere Mutter kommt wieder!“
Wieder ist es Abend. Wieder wird es dunkel. Tante Nurten wird wütend. Tante Nurten schreit.
„Das ist schon der zweite Tag! Wo bleibt die Frau nur?"
„Meine Mutter", sage ich und fürchte mich irgendwie…
„Oh je, was ist deine Mutter nur für eine Schlampe!" flucht Tante Nurten. „Ich habe auch Heim und Herd, das ist schon der zweite Tag! Ich konnte auch nicht gleich Bescheid sagen!" Tante Nurten weint. Wenn sie aufhört zu weinen, wird sie wütend: „Die Kinder haben kein Nest mehr, du meine Güte, mit der Ruhe ist es aus!"
Ich sehe mir Tante Nurtens Schnurrbart an. Dass Tante Nurten auch Haus und Herd hat, kommt mir komisch vor. Ich habe Angst, und ich kann nicht nach dem Herd fragen. Wieso die Ruhe dahin ist, das möchte ich auch wissen. Aber Tante Nurten ist nervös. Tante Nurtens Gesicht ist sehr böse. Tante Nurten ist wütend auf meine Mutter. Und ich weine mit ihr. Meine Mutter kommt! Meine Mutter lässt mich nicht im Stich. Meine Mutter kommt ganz bestimmt.
„Wein doch nicht, du meine Güte", sagt Tante Nurten, „wein doch nicht, mein Liebling, was kannst du denn dafür!" Tante Nurten umarmt mich.
Hat es an der Tür geklingelt? Ich weiß es nicht. Vier Onkel kommen. Die Onkel sprechen mit Tante Nurten.
„Haben die Leute denn keine Angehörigen? Sein Vater, wo ist denn sein Vater?" fragen sie.
„Das weiß ich nicht", sagt Tante Nurten und weint. „Ich habe auch meine Kleinen, ich habe auch Heim und Herd, das ist schon der zweite Tag, und ich muss gehen!" ruft sie.
Einer der Onkel schreit. „Was soll denn aus dem da werden?" ruft er und zeigt auf mich.
Als Tante Nurten ganz hilflos sagt: „Woher soll ich das denn wissen? Ich weiß es doch nicht, ihr Herren Polizisten!", sehe ich mir die Onkel genauer an. Sie haben überhaupt keine Ähnlichkeit mit der Polizei. Die Polizisten, die ich kenne, sind nicht so angezogen und tragen Pistolen an den Hüften.
Der Polizist, der sich ganz hinten postiert hat, übernimmt die Führung. Er schaut sich die Bücher meiner Mutter an. Er zieht die Bücher eins nach dem anderen aus dem Bücherschrank, sieht sie sich ganz lange an und wirft sie dann auf den Boden. Ich renne hin und rufe: „Die gehören meiner Mutter, wirft sie nicht auf den Boden, darüber ärgert sie sich!"
Der Onkel sieht mich böse an. Der Onkel hält mich an der Schulter fest und stößt mich zu Tante Nurten. Ich mag die Polizisten nicht mehr. Der Polizist, der mich vorwärts stößt, ist kein Held. Ich renne wieder los. Ich will die Bücher aufheben, die er auf den Boden geworfen hat. Der böse Polizeionkel schaut noch grimmiger drei Das kann doch kein Held sein. Der beschützt die Kinder doch gar nicht.
„Hau ab, Mensch", sagt er, „hau bloß ab, du Kommunistenbalg!"
Ich weiß nicht, was „Kommunistenbalg" bedeutet. Ich glaube, „Balg" ist so etwas „balla balla" und antworte: „Ich bin nicht verrückt!"
Die anderen Polizeionkel lachen. Ich fange an zu weinen.
„Meine Mutter wird euch böse sein!" sage ich. „Und mein Vater auch!"
Ein anderer Polizeionkel, der mit der Mütze, sagt: „Deine Kommunistenmutter soll sich erst mal selbst in Sicherheit bringen!"
Der Polizist mit der Mütze ist auch kein Held. Den mag ich auch nicht. Ich weiß nie was Kommunist bedeutet. Aber nach allem, was Zerrin sagt, muss es etwas Schlimmes sein.
„Meine Mutter heißt nicht Kommunistin, sondern Ayten!" rufe ich. Sie lachen. Die Bücher meiner Mutter liegen auf dem Boden.
„Was kann denn der Junge dafür?" fragt Tante Nurten. Sie weint. Sie umarmt und küsst mich. Tante Nurten mag ich.
Der Polizist, der ganz vorn steht, sagt: „Eine andere Chance gibt es nicht. Wir bringen ihn zu seiner Mutter in die Zentrale."
Ich weiß nicht, was Zentrale heißt. Aber ich freue mich, dass ich zu meiner Mutter gehe.
„Hat man je kleine Kinder zur Polizeiwache gebracht?" fragt Tante Nurten wütend. Der Polizeionkel mit der Mütze brüllt: „Sollen wir ihn vielleicht ins Hilton bringen?"
„Pack dem Jungen einen Schlafanzug und ein paar Sachen ein!" sagt der Polizeionkel, der ganz vorn steht, zu Tante Nurten. Und zu den anderen:
„Schaut genau in alle Ecken und Winkel, nehmt das Protokoll auf und lasst die Frau unterschreiben. Und dann bringt ihr sie nach Hause!"
Tante Nurten reicht mir die Tasche.
Der Polizeionkel greift zuerst danach. Er rafft die Tasche an sich, öffnet sie und schaut hinein. Er sieht die Börek- Teilchen, die in Zeitungspapier eingewickelt sind.
„Na, Alte", fragt er, „was ist denn das?" fragt er.
Tante Nurten schluchzt. „Der Junge hat doch noch nicht mal zu Abend gegessen!"
Der Polizeionkel schüttelt den Kopf und steckt das Börek- Päckchen wieder in die Tasche.
„Na, dann mal los", sagt er zu mir. „Zieh deine Schuhe an!"
Tante Nurten umarmt und küsst mich. Ich freue mich. Endlich darf ich zu meiner Mutter!
Wir steigen in einen verdreckten alten Dolmus, In dem Dolmus sitzen noch zwei Onkel. Diese beiden Onkel sind auch nicht wie Polizisten angezogen. Aber sie haben Gewehre. Kurze Gewehre, die wie Pistolen aussehen. Das müssen die Helden sein. Der Onkel, der mich zum Dolmus bringt, setzt sich neben mich auf den Rücksitz. Zu den Männern, die vorn sitzen, sagt er:
„In Ordnung, wir fahren nach Hause!"
„Nein, wir wollen zu meiner Mutter fahren!" rufe ich.
Der Onkel neben mir sagt: „In Ordnung, wir fahren zu deiner Mutter!"
Ich will wissen, was alles in meiner Tasche ist, und mache sie auf. Der Duft des Kolbörek, das Tante Nurten gebacken hat, breitet sich im Dolmus aus. Ich nenne es das Kurvenbörek. Plötzlich meldet sich mein Magen, und ich mache das Päckchen auf. Es sind drei Börek- Teilchen. Eins für meine Mutter, denke ich. Eins für mich. Und für die Polizeionkel? Ein Börek verstecke ich unter der Tasche. Eins teile ich in zwei Hälften und biete es den Polizeionkeln vorn an.
„Das hat Tante Nurten gebacken, bitte sehr!"
Die Polizeionkel vorn schauen den Polizeionkel neben mir an. Der nickt. Das kommt mir so vor, als würde er mir ein Zeichen geben, dass ich unter anderem etwas für meine Mutter tun könnte
Die Onkel vorn nehmen das Börek an. Auch das Börek in meiner Hand teile ich in zwei Hälften. Als ich die Hälfte dem Polizeionkel neben mir anbiete, kann ich es nicht mehr abwarten und beiße ein riesiges Stück von dem anderen Teil in meiner Hand ab. Der Polizeionkel neben mir schüttelt den Kopf.
„Vielen Dank, ich bin satt!"
„Bitte sehr, aber das ist doch Ihr Anteil!" sage ich mit vollem Mund.
Er lacht. „Iß nur, damit du groß wirst!" sagt er.
Dieser Polizeionkel sieht nicht so aus wie die anderen. Er hat nichts Schlechtes übermeine Mutter gesagt. Er hat seinen Kollegen sogar gesagt, dass sie Tante Nurten nach Hause bringen sollen. Dieser Polizeionkel ist ein Held.
„Ich esse meinen Anteil. Soviel hat jeder gekriegt, und das ist für Sie!" sage ich. Der Polizeionkel nimmt das Börek an. Er nimmt es, aber er isst es nicht.
„Jetzt habe ich keinen Hunger, ich esse es später!" sagt er. Und dann fragt er, als sei es ihm gerade eingefallen: „Was willst du mit dem Börek machen, das du wieder in die Tasche gesteckt hast?"
Ich schäme mich. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Es scheint das Beste zu sein, die Wahrheit zu sagen.
„Für meine Mutter...", flüstere ich.
Er streichelt mir die Haare und redet auch im Flüsterton. „Das ist gut", sagt er. „Das ist aber gut, du bringst deiner Mutter etwas zu essen!"
„Meine Mutter mag Börek", antworte ich, wieder im Flüsterton.
Von vorn kommen zischelnde Laute, die wie Radiostimmen klingen. Der Onkel, der neben dem Fahrer sitzt, sagt: „Ich übergebe, Efendim" und reicht dem Onkel, der neben mir sitzt, ein Mikrophon. Der Onkel neben mir sagt etwas, was ich nicht verstehen kann. Und dann: „Nein, nicht den Mann, wir bringen nur das Kind... Was hätten wir denn tun sollen? Wo hätten wir es lassen sollen? Die Kinderfrau hat es abgelehnt, das Kind zu sich zu nehmen. Man kümmert sich um den Jungen. In Ordnung!"
Er gibt das Mikrophon wieder dem Onkel auf dem Vordersitz. Er wendet sich zu mir.
„Du magst deine Mutter wohl sehr?"
„Jaa."
„In Ordnung, in Ordnung! Mach deine Augen nicht so weit auf! Ich glaube dir ja, dass du sie sehr liebst."
„Meine Mutter kennt alle Märchen", sage ich. „Sie kann wie ein Elefant marschieren, wie eine Ente quaken, wie ein Känguru hüpfen..."
„ Zum Donnerwetter, Mensch, das ist ja nicht von Pappe!" sagt der Polizeionkel. Dann fügt er hinzu: „Sag mal, liebst du deinen Vater auch?"
Ich bin verdattert. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ohne jeden Grund mache ich meine Tasche auf. Da sehe ich Kirli. Ich freue mich, dass er da ist. Kirli ist ein Affe. Er sieht aus wie ein Affe. Aber er hat keine Ähnlichkeit mit anderen Affen. Das ist mein Freund. Mit Kirli schlafe ich immer ein. Kirli hört mir zu. Kirli erzähle ich Geschichten, die ich erfunden habe. Er erzählt mir auch etwas. Kirli habe ich sogar Gedichte beigebracht. Meine Mutter mag Kirli auch. Ich weiß nicht, ob Tante Nurten Kirli mag. Meine Mutter hat ihm den Namen Kirli gegeben. Damals, als meine Mutter mir Kirli mitbrachte, versuchte ich, ihn zu füttern, wenn ich aß. Das hat ihn über und über schmutzig gemacht. „Schau dir das an", hatte Tante Nurten gesagt. „Über und über verdreckt, Kirli - was für ein Schmuddelaffe!" Und meine Mutter hatte gesagt: „Kirli soll er heißen!"
Mein Vater sagt gar nichts. Mein Vater hat viel Arbeit. Mein Vater kommt selten nach Hause. Mein Vater hat mich lieb und geht weg. Mein Vater spricht kaum. Mein Vater hat immer Angst. Mein Vater soll ständig geflohen sein. Mein Vater war Lehrer, und es heißt, man hätte ihn aus der Schule geworfen. Mein Vater hat keine Angst vor mir. Mein Vater läuft nicht weg. Zerrin, die Tochter des Briefträgers, lügt. Mein Vater ist kein Kommunist. Meine Mutter auch nicht. Zerrin lügt. Ich mag Zerrin nicht. Kirli mag Zerrin auch nicht. Tante Nurten mag sie auch nicht.
Ich umarme Kirli. Ich umarme Kirli ganz tüchtig. Alles, was der Polizeionkel sagt, vermischt sich mit dem, was Kirli sagt. Ich träume von meinem Großvater. Mein Großvater weint. Ich habe meinen Großvater noch nie weinen sehen. Ich weine auch.
„Wenn du weinen willst, dann weine nur", sagt mein Großvater.
„Ich kann nicht weinen, Kirli weint!" antworte ich. Mein Großvater nimmt den Turban ab. Er wischt sich die Tränen ab und sagt: „Richtig, Kirli weint."
Meine Augen sind zu. Zuerst spüre ich den Duft meiner Mutter. Der Duft meiner Mutter ist mit keinem Geruch zu vergleichen. Niemand hat ihren Duft. Mit geschlossenen Augen würde ich den Duft meiner Mutter unter ganz vielen Leuten erkennen, wenn ich jeden einzelnen beschnuppern würde. Außerdem den Geruch meines Großvaters. Mein Großvater riecht nach Sonne. Und ein bisschen nach Erde. Aber meine Mutter... Meine Mutter riecht wie eine Mutter. Meine Mutter riecht nach ihr selbst. Meine Mutter duftet nach einer Wiese, einer grasgrünen Wiese, wie Blumen. Und am meisten duftet ihr Hals.
Ich mache die Augen auf. Ich will mich zurückziehen und meine Mutter sehen. Meine Mutter lässt mich nicht im Stich. Sie hat mich lieb und umarmt mich. Es tut mir weh. Ich will meine Mutter sehen. Als ich das Gesicht meiner Mutter sehe, halte ich es nicht mehr aus und fange an zu weinen. Wieder hat meine Mutter mich lieb und umarmt mich.
Die Augen meiner Mutter sind feuerrot. Die Lippen meiner Mutter sind geschwollen. Ihre Augen sind auch geschwollen. Meine Mutter wirkt verändert. Meine Mutter hat geweint; das merke ich.
Meine Mutter umarmt mich noch einmal.
Ich habe meinen Schlafanzug an. Und Kirli sitzt neben uns. Mir fällt das Börek ein:
„Börek", sage ich.
Meine Mutter versucht ihre blutunterlaufenen, müden Augen zu öffnen:
„Was für Börek?"
„Ich habe dir doch Börek mitgebracht, Kurvenbörek"
„Ach", antwortet meine Mutter, „Börek? Das habe ich schon gegessen."
„Nicht viel, das war nur ein Stück. Tante Nurten hat es gebacken!"
„Das heißt, das war nur ein Stück!" sagt meine Mutter nachdenklich. „Ja, ja, ich habe es gegessen. Das war prima. Schön, dass du es mitgebracht hast."
Ich glaube meiner Mutter nicht. Ich schaue mich um. Wir sind in einem kleinen Zimmer. Die Wände sind ganz schmutzig. Die Tür ist verschlossen. Oben in der Tür ist ein kleines Fenster. Seine Scheiben sind weiß angestrichen. Es ist ziemlich hoch. Soweit kann ich nicht reichen. Dort, wo das Bett steht, sind noch zwei kleine Fenster. Die sind sehr weit oben. Und davor sind Eisengitter. Es ist unmöglich, hinauszugucken. Man sieht nicht, was draußen ist. Das Zimmer riecht. Es riecht unangenehm säuerlich.
„Na, komm", sage ich zu meiner Mutter, „gehen wir nach Hause!"
Meine Mutter lächelt. Wenn sie lächelt, presst sie ihre Zähne zusammen. Das muss wehtun. „Nur keine Eile, mein Äffchen!" sagt sie. Meine Mutter nennt mich manchmal „Affchen". Meine Mutter ist traurig, und ich will sie zum Lachen bringen. Ich fasse Kirli an der Pfote und tue das, was ich zu Hause gemacht habe. Ich lasse Kirli durch die Zweige der Bäume fliegen. Dann setze ich mich mit Kirli hin, und wir lesen uns gegenseitig die Läuse ab. Wir kratzen uns am Kopf und stecken uns die Läuse in den Mund. Und wir brüllen wie Affen. Als die Vorstellung zu Ende ist, sehe ich meine Mutter an. Meine Mutter lacht nicht. Ganz im Gegenteil, sie fängt an zu weinen.
„Wein doch nicht", sage ich zu meiner Mutter und küsse sie. Ich küsse ihr verletztes, geschwollenes Auge. Und ich frage meine Mutter;
„Mutter, sind wir hier im Gefängnis?" „Nein, wie kommst du denn darauf?" „Na gut, warum gehen wir denn dann nicht weg?"
Ich erwarte keine Antwort von meiner Mutter, ich renne zur Tür. Die Tür lässt sich nicht öffnen. Die Tür ist abgeschlossen. Ich gebe der Tür einen Fußtritt. Mein Fuß tut weh. Meine Mutter erhebt sich von ihrem Platz. Wenn sie läuft, hinkt sie. Sie will mich auf den Arm nehmen. Ich will das nicht. Ich renne zu dem Bett, auf dem wir eben noch gesessen haben, zu dem Bett, das wie eine Polsterbank aussieht. Meine Mutter kommt zu mir. Sie muss verstanden haben, dass ich mir ihre Füße angesehen habe.
„Die sind vom vielen Sitzen klamm geworden", sagt sie.
„Man hat uns eingesperrt!" sage ich. Meine Mutter reißt sich zusammen:
„Nein, mein Äffchen, du phantasierst mal wieder! Du bleibst nur eine Weile hier. Ich glaube, morgen darfst du weggehen. Spätestens übermorgen."
„Nein", sage ich, „ohne dich gehe ich nirgendwohin."
„Willst du auch nicht mit deinem Großvater gehen?"
„Das mache ich, aber nur, wenn du mitkommst!"
Meine Mutter denkt unheimlich lange nach:
„Es kann sein, dass ich noch ein paar Tage hier bleiben muss. Dein Großvater weiß Bescheid. Er kommt, um dich zu holen...."
„Warum musst du denn hier bleiben?"
„Das ist nun mal nötig", sagt meine Mutter nachdenklich. „Sie wollen mich alles Mögliche fragen und was von mir lernen."
„Wer sind sie?"
„Die Polizisten!"
„Sollen sie doch in die Schule gehen. In deine Schule sollen sie kommen. Da sollen sie zuhören, was du ihnen alles erzählst. Dann lernen sie was."
„Das wollen sie nicht lernen, es geht um etwas anderes. Nach deinem Vater fragen sie auch. Sie wollen wissen, wo er ist."
„Das haben sie mich auch gefragt!" sage ich.
„Was hast du gesagt?" fragt meine Mutter.
Ich denke nach. Ich kann mich wirklich nicht mehr daran erinnern, ob sie mich danach gefragt haben. Und wenn sie mich danach gefragt haben, kann ich mich nicht mehr daran erinnern, was ich geantwortet habe.
„Nicht alle Polizisten, die zu uns ins Haus gekommen sind, waren Helden!" sage ich.
„Woher weißt du das?"
Mein Gott, so mache ich das immer. Ohne nachzudenken, fange ich an zu reden und habe Angst davor, weiter zu sprechen. Ich weiß doch, dass meine Mutter sich darüber ärgert.
„Also", sage ich, „das waren keine Helden."
„Kommunistenbalg" oder „balla balla", was auch immer, ich erzähle meiner Mutter nicht, was sie alles gesagt haben. Ich sage auch nicht, dass der böse Polizistenonkel die Bücher auf den Boden geworfen hat. Das macht meine Mutter nur traurig.
„Hat Nurten Hanim Angst gehabt?" fragt sie.
„Wovor sollte sie sich fürchten, wenn ich bei ihr bin?" antworte ich. „Sie hat nur ein bisschen geweint."
„Ist sie bei uns zu Hause geblieben?"
„Sie ist bei uns geblieben, aber der Polizist, der wirklich ein Held war, hat gesagt, sie sollen Tante Nurten nach Hause bringen!"
Als meine Mutter sagt, „Es ist Morgen geworden!" schaue ich auf das kleine Fenster ganz oben. Ich sehe die schmalen Eisenstangen. Und diese komische Farbe! Dadurch kommt kein Licht herein. Ich umarme meine Mutter. Irgendwie habe ich Angst.
„Mutter, wir sind im Gefängnis! Wir haben doch nichts getan! Warum nur?"
Meine Mutter küsst mich,
„Das ist kein Gefängnis. Das nennt man 'Untersuchungshaft'."
Ich sage nichts mehr. Eine Weile später kommt eine Frau. Sie holt meine Mutter und mich. Und Kirli nehme ich mit. Die Frau sagt kein Wort. Meine Mutter sagt auch nichts. Draußen gehen wir bis zum Ende des Gangs. In meinem ganzen Leben habe ich noch nicht eine so eklige Toilette gesehen.
„Igitt", sage ich.
„Du hast recht, das ist eklig!" sagt meine Mutter. „Aber du musst ein Drückerchen machen, und Pipi. Und dann waschen wir uns Hände und Gesicht!"
„Hier, mit dem Wasser in diesem miesen Klo?"
„Ja", sagt meine Mutter.
Die Frau, die vor der Tür wartet, fängt an, ärgerlich zu werden:
„Beeilt euch mal ein bisschen! Ihr seid doch nicht die einzigen, die aufs Klo gehen!"
„Will die Tante vor der Tür auch pinkeln gehen, Mutter?"
„Nein", antwortet meine Mutter, „die anderen Häftlinge!"
Jetzt verstehe ich endlich, dass wir Häftlinge sind. Ich verstehe nicht ganz genau, was Häftling bedeutet. Ich will meinen Großvater fragen. Meine Mutter zieht ein Stück Stoff aus der Hosentasche. Sie macht den Stoff nass. Patschnass steckt sie ihn wieder in die Tasche. Ich will wissen, was sie da macht.
„Sei still", sagt sie im Flüsterton, „ich erkläre es dir später."
Als wir wieder in unserem Zimmer sind, bringt eine andere Tante uns Käse, Brot, Marmelade und Wasser. Sie stellt das Plastiktablett auf dem Bett ab und sagt: „Euer Frühstück."
Ich mag die Marmelade nicht. Die sieht nichts so aus wie die Erdbeermarmelade, die meine Großmutter uns immer schickt. Der Käse ist auch nicht gut. Ich trinke nur Wasser.
„Du musst etwas essen!" sagt meine Mutter. Damit meine Mutter nicht ärgerlich wird, beiße ich ein Stück von dem Brotkanten ab.
Meine Mutter zieht das Stück Stoff aus der Tasche, das sie vorhin auf dem Klo nass gemacht hat. Sie gießt noch ein paar Tropfen von unserem Trinkwasser darauf. Sie drückt das feuchte Tuch gegen ihre geschwollene Lippe und sagt: „Sie haben uns reichlich Wasser gebracht; es wäre gar nicht nötig gewesen, Wasser vom Klo zu holen."
Ich sehe meine Mutter an. Mir steckt ein Kloß im Hals. „Warum?" frage ich,
„Kaltes Wasser tut gut", sagt sie.
„Danach habe ich nicht gefragt. Warum ist deine Lippe geschwollen?"
„Das habe ich dir doch schon gesagt, wegen der Schlaflosigkeit!" sagt meine Mutter. Aber sie merkt, dass ich ihr das nicht glaube. „Ich werde dich doch nicht anlügen, mein Äffchen!"
„Ich weiß, du lügst nie!" sage ich.
„Gibt’s irgendwelche neuen Geschichten?" fragt meine Mutter.
Ich denke nach.
Das ist ein Spiel. Ein Spiel, das meine Mutter und ich miteinander spielen. Manchmal spiele ich es auch, wenn ich allein bin. Wir erfinden Geschichten über Menschen, die wir gesehen und beobachtet haben. Ich gebe der Person einen Namen, deren Geschichte ich erfunden habe. Einen Namen, der zu ihr passt.
Irgendwie klappt das nicht mit Leuten, die wir kennen, das habe ich oft probiert. Die Leute, die ich kenne, haben ihre eigenen Geschichten. Zerrin, die Tochter des Briefträgers, wollte oft, dass ich ihr ihre Geschichte erzähle. Natürlich habe ich gesagt: „Das geht nicht." Denn Zerrin kenne ich. Und ich kenne ihre Geschichte. Sie kennt ihre eigene Geschichte nicht, ich wundere mich darüber. Aber die Geschichte der Polizeionkel will ich jetzt nicht erzählen. Außerdem hat meine Mutter sie doch gesehen! Ich grüble nach...
„Was hältst du von der Geschichte der Frau, die uns zum Klo gebracht hat?"
Dazu habe ich keine Lust. Ich habe der Tante doch noch nicht einmal richtig ins Gesicht geschaut;
„Die hat keine Geschichte!"
„Halt, ich erzähle dir mal ein Märchen, damit die Zeit vergeht!"
„Vergeht sie denn nicht, wenn du nichts erzählst?"
„Doch doch, aber wenn wir uns ein Märchen erzählen, vergeht sie schneller."
„Welches Märchen?"
Meine Mutter denkt nach.
„Das Abenteuer vom kleinen Bären und dem schlauen Fuchs. Na, was hältst du davon?"_
„Prima", sage ich, „aber nicht einschlafen!"
Meine Mutter lehnt sich bequem zurück. Und ich nehme Kirli auf den Arm. Wenn meine Mutter Märchen erzählt, kuschle ich mich in ihren Schoß. Meine Nase rückt immer näher zum Hals meiner Mutter. Ich sauge den Duft meiner Mutter ein. Und zum Schluss werde ich immer ganz schläfrig. Aber diesmal kann ich nicht einschlafen. Ich kann einfach nicht einschlafen.
Bevor meine Mutter mit dem Erzählen anfängt, wird die Tür aufgeschlossen. Ein Onkel, den ich noch nicht kennen gelernt habe, und die Tante, die uns zur Toilette gebracht hat.
„Wie geht es Ihnen?" fragt der Onkel. Meine Mutter antwortet nicht.
„Und wie geht es Ihrem Kind?" fragt der Onkel. Wieder gibt meine Mutter keinen Ton von sich. Ich sehe meiner Mutter ins Gesicht. Meine Mutter schaut nach drüben, an die Wand. Meine Mutter sieht sehr wütend dorthin. Ich sehe nichts an der Wand, aber ich fange auch an, dorthin zu gucken. Ich schaue zur Wand, wie meine Mutter. Ich runzle die Stirn. Ich schaue grimmig drein. Als er spricht, drehe ich mich wieder zu dem Onkel um.
„Die Person, deren Adresse Sie uns gegeben haben, haben wir durch den Regierungsbezirk Manisa informiert. Das ist sein Großvater, nicht wahr? Bis der Junge dorthin geht, warten wir mit dem Verhör“, Der Onkel macht eine Pause und denkt kurz nach. Dann sagt er mit einem Lachen, das mir nicht gefällt: „Aber das hängt von Ihrem Verhalten ab. Das Verhör kann jeden Moment anfangen!"

Übersetzung aus dem Türkischen von Monika Carbe


webmaster@habibbektas.com
zurück zur Startseite
nach oben
©Ralf Bergmann