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Fotos: ©Bernd Böhner
aktualisiert am: 01.12.2005 10:47

Leseproben

Ich glaube den Geschichten

Ich sah ihn immer an dieser Ecke vor der Bank, den Lächelnden, so als ob er im Laufe der Jahre ein Teil dieser Ecke geworden wäre. Er war ziemlich groß und hatte eine riesige, gebogene Nase und einen leichten Buckel. Er versuchte nie, seine Waren anzupreisen. In den Wintermonaten verkaufte er riesige Apfelsinen mit dünner Schale, im Sommer hingegen Kirkagaç-Melonen.
Er pflegte auf einer winzigen Orangenkiste zu sitzen, den an die schmutzigfarbene Wand der Bank gelehnt, eingezwängt zwischen seinen Wagen und die Wand. Versteckt, wie ein in der Prüfung abschreibender Schüler, las er im Buch auf seinem Schoß. Das Buch verschwand fast in seinen riesigen Händen. Einige Male versuchte ich zu erkennen, was er da wohl las. Er vereitelte jedoch meine Bemühungen, lächelnd, verlegen und wissend.
In einer Winternacht, ich kam aus dem Kino, machte ich einen kleinen Umweg und kam an der Ecke vorbei. Zwischen seinem Wagen und der Bank lag er, der Lächelnde, und schlief. Zuhause, Arbeitsplatz... das war alles sein Wagen.
Immer wieder bewegte mich eine Frage: Wie schafft er es nur, immer so gepflegt zu sein, der Lächelnde? Wann immer ich ihn auch sah, stets war er rasiert, und seine alte Kleidung war immer blitzsauber.
Einige Male versuchte ich eine Unterhaltung mit ihm zu führen. Ich redete, doch von ihm, dem Lächelnden, hörte ich nur, was für den Verkauf von Orangen und Melonen nötig ist:
Sehr wohl, der Herr.
Sie sollten eigentlich süß sein, mein Herr.
Zwei Kilo? Aber gerne.
Guten Tag, mein Herr.
Sie leben wohl schon seit langem in dieser Stadt?
Er lächelte, ein verlegenes Lächeln, da er nicht antworten konnte oder wollte.
Haben sie niemanden hier?
Wie immer lächelte er.
Heute ist es sehr kalt, finden sie nicht auch?
Stets das gleiche Lächeln.
So, als wolle sein Lächeln sagen: “Wenn es auch keine wichtigen Dinge sind, so sollen sie doch mein Geheimnis sein. Lassen sie mich doch bitte in Ruhe.“
Auch als ich ihn vor Jahren nach seinem Namen fragte, lächelte er, den Kopf geneigt, so als wolle er für eine nicht begangene Schuld um Verzeihung bitten. Ob ich wollte oder nicht, auch ich mußte ihn anlächeln. Von da an wurde das Lächeln zu seinem Namen.
Später ging ich dann weit weg, in die Fremde, ohne Abschied von meiner Stadt zu nehmen, so wie ein Flüchtiger...
Wie vieles andere, vermißte ich auch den Lächelnden als ich nach Jahre später in meine Stadt zurückkehrte. Er war nicht da.
Für mich verloren jene Straße, diese Ecke und die Bank ihre Bedeutung. Die Ecke war durch den Lächelnden zur Straßenecke geworden. Die Bank war eine Bank, solange er da war; und alles, was den Lächelnden betraf, wurde durch ihn, durch seine Geschichte zur Wirklichkeit. Ich lief zum kleinen Laden gegenüber. Der Besitzer war ein alter Mann:
„Welcher Orangenverkäufer?“
„Der immer gegenüber, dort vor der Bank war und ganz versteckt in seinem Buch las?“
„...“
„Erinnern sie sich nicht, mein Lieber, im Sommer hat er doch immer Melonen verkauft?“
Im Gesicht des Händlers machte sich noch mehr Verständnislosigkeit breit:
„Wenn sie Melonen kaufen, wollen, so ist in der Nebenstraße ein Gemüsehändler, der Kurde Riza...“
Mich bedankend ging ich hinaus.
Ich ging ins Kaffeehaus nebenan. Auch dort konnte sich niemand an einen solchen Mann erinnern.
Ich hatte begonnen, an mir zu zweifeln. Ängstlich ging ich in die Bank. Der Schalterbeamte schaute befremdet in mein Gesicht, so als hätte er einen Narren vor sich.
„Stand er ihnen nahe?“, fragte mich ein Wächter.
Ich war erfreut. „Sie erinnern sich also an ihn?“
„Nein, mein Lieber, sie müssen da wohl etwas durcheinanderbringen,“ entgegnete der Wächter. Fluchtartig verließ ich die Bank. Ich murmelte vor mich hin, nur zu mir selbst:
„Er lebt, der Lächelnde! Ich glaube den Geschichten.“

(Übersetzung: Ralf Bergmann)

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