| |

|
|
Kinder der Poesie
Wo gibt es heute eine Poesie, die unmittelbar ungekünstelt Empfindungen zu Versen formt? – Habib Bektas schreibt seine Gedichte in türkischer Sprache und übersetzt sie selbst ins Deutsche. Seine Poesie wird von der Erlebniswelt seiner Kindheit und seiner eigenen Kinder gespeist. Er hat einen kindlichen, nicht naiven Blick auf die Welt bewahrt. Ihn interessieren solche Wahrnehmungen, die in einer saturierten Zivilisation kaum noch als elementar, ja lebensnotwendig erscheinen: „ Bomben sind nur ein Videospiel“, die Massenmedien schütten menschliche Anteilnahme mit Bildern zu. Bektas möchte den direkten Zugang zu den Menschen, sich nichts vorgaukeln lassen. Insofern sind seine Gedichte, die ihre Subjektivität nicht verbergen, politisch.
Sein dritter Gedichtband in Deutsch versammelt vier Zyklen: Das Wort / Fremde / Liebe / Abschied. Sein Sensorium ist geprägt von Trauer über die Verrohung durch Kriege und Gewalt und Freude über die Beobachtung unverstellter Freundlichkeit. Doch sind seine Gedichte nicht auf Empfindungen festgelegt, dialektische Schärfe überrascht mancherorts: „Du / der du von Tugenden sprichst / wie willst du ein Held sein / ohne Mich / du brauchst einen Feind“. Das häufig eingesetzte Wort „schweigen“ markiert die Grenze der Poesie. Bei Bektas ist die Lyrik oft an der Grenze zum Schweigen angelangt, dies ist aber beredter als viele Worte. Seine Gedichte sind deshalb ein erfrischendes Elixier, ein stachliger Impuls zur Rückbesinnung auf unverzichtbare Werte, wie sie neugierige Kinder noch kennen.
Hans - Dieter Grünewald
Habib Bektas: Zaghaft meine Sehnsucht
Gedichte
Aus dem türkischen von H. Bektas und W. Peter Schnetz
Horlemann – Verlag
28,- DM
|
|
Die vier Haupt-Worte
Habib Bektas: „Zaghaft meine Sehnsucht“
Gedichte sind, wenn sie der Rede wert sind, niemals bloß Herzensströme, die da zu Sprache geronnen sind. Im Gegenteil repräsentieren sie die konzentrierteste sprachliche Form überhaupt:
Ein „fertiges“ Gedicht steht üblicherweise am Ende eines Gärungs-, Verdichtungs- und Überarbeitungsprozesses: Es ist die Kristallisation von Gedanken, von Empfindungen, die mehr
sein wollen als die Beschreibung von Zuständen. Diese „Dichte“ macht aus, dass Lyrik in den meisten Fällen kaum oder gar nicht in eine andere Sprache übersetzt bzw. „nachgedichtet“ werden kann.
Dichtung ist nicht Sprach-Kleid sondern Sprach-Haut. Ein Problem, das der Erlanger Poet Habib Bektas nur zu gut kennt. Er, der 1951 nahe Izmir geboren wurde und seit 1973 in Deutschland lebt, schreibt grundsätzlich alle seine poetischen Texte in türkischer Sprache. Dann kommt der langwierige Prozess der Übertragung, der Umdichtung in die deutsche Sprache seiner zweiten Heimat.... Jedes Gedicht passiert eine Vielzahl von Kontroll-Instanzen: Es sind deutsche und deutsch-türkische Freunde, mit denen Bektas die „zweite Haut“ seiner Verse formt.
„Zaghaft meine Sehnsucht“ heißt sein neuer Gedichtband in vier Kapiteln: „Das Wort“, „Fremde“, „Liebe“, „Abschied“. Vier Elementare Haupt-Worte, die ein ganzes Leben skizzieren, Eckpfeiler einer Heimat im Kopf.
Ganz und gar nicht spröde oder gar nüchtern, aber vollkommen frei von allen Sprachschnörkeln lesen sich Bektas` Verse, in deren Zentrum natürlich der Zwiespalt seiner Herkunft und Gegenwart steht –Sentimentalität oder gar Selbstmitleid ist hier freilich ein Fremdwort. Und so ist das umfassendste seiner hier abgedruckten Gedichte, „Die Blutepoche“, die balladeske Chiffre für eine mentale Standortbestimmung. Es entstand unter dem Eindruck jener 37 Menschen - Künstler zumeist-, die am 2. Juli 1993 in einem Hotel in Sivas, Türkei, von fanatischen Islamisten verbrannt worden waren .Die Schlussverse lauten.
„Papa, sagt meine Tochter, warum seid Ihr erwachsen geworden?“
Jochen Schmoldt
Habib Bektas, „Zaghaft meine Sehnsucht“, Bad Honnef 1997, 94 Seiten.
plärrer Nr.6
Juni 1997
|
Poetische Denkbilder
Der neue Gedichtband von Habib Bektas hatte Premiere in der Garage
Kulturamt, Stadtbücherei und das Theater Erlangen hatten zur Buchpremiere des neuen Gedichtbandes von Habib Bektas „Zaghaft meine Sehnsucht“ in die Garage eingeladen.
Mit einer kurzen literaturwissenschaftlichen Einführung in das Wesen der Dichtkunst und ihren Bezug zur „Welt“ führte Sargut Sölcün über die Frage nach der Wahrheit von Dichtung und nach der Erfassbarkeit von Lebensmomenten in der Kunst oder in der ästhetischen Konstruktion an die Problematik des Emigrantendaseins und die damit verbundenen Widersprüchlichkeiten des Lebens heran, welche sich leitmotivisch durch Bektas´ Werk zieht.
Es sind „die Hauptwörter des Lebens“, Liebe, Abschied, Schmerz, Wiedersehen, Fremde, Vertrautheit, Erdverbundenheit, Nähe zu kindlicher Ursprünglichkeit, in denen es auch in diesem neuen Gedichtband geht. Durch die Versprachlichung solcher Bewusstseinsinhalte im Lyrischen werde das Gedicht zu einem Zuhause.
Habib Bektas führt in seinen „Denkbildern“ mit ihrer dialogischen Struktur nah an den Kernpunkt heran: „Ich weiß, in der Ferne/ wartet jemand auf mich:/ zaghaft meine Sehnsucht/ wie eine Braut, die errötet./ Ich verberge sie vor mir selbst.“ Und er kommt immer wieder zum selben Resümee: „solange wir lieben, sind wir am Leben“.
Habib Bektas , geb. 1951 in Salihli (Türkei), kam 1972 nach Deutschland und lebt als freier Autor in Erlangen. Er schreibt in Türkisch und Deutsch.
In einer anschließenden Autorenlesung konnte sich das zahlreich erschienene Publikum davon überzeugen, mit welcher Innigkeit der Dichter seinen Gedichten verbunden ist: am neu erschienenen Buch, so sagte er, rieche er erst einmal. Wie ein Vater, der zum ersten Mal sein neugeborenes Kind im Arm hält.
Erlanger Nachrichten
Erlanger Tageblatt
29. April 1997
|
|