ohne dich
ist jede stadt eine wüste
Habib Bektas' Lyrik ist
nicht nur Objektivierung des Gastarbeiterdaseins, hat nicht nur
das Deutschlandbild ausländischen Arbeitnehmer zum Inhalt.
In weiten Teilen schreibt Bektas gegen das Alleinsein an, schreibt
Gedichte vom Aneinandervorbeireden, eine Lyrik der Kommunikationslosigkeit.
Lutz Tandow
Fremdworte Nr 3
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Im Trend liegt dieses Buch nicht. Dazu
ist es zu freundlich, zu positiv, dazu wird in ihm zu wenig mit finsterer
Miene herumgemault; und zu verständlich ist es außerdem
geschrieben. Als Titel hat es gar eine Liebeserklärung: "ohne
dich ist jede stadt eine wüste." Man ahnt es schon: von
einem deutschem Autor ist es nicht. Das Risiko des Verstandenwerdens
wäre ihm einfach zu hoch, und der Ruch der Positivität zu
gefährlich. (Wo doch vielen Literaten, sobald sie nur die Türe
hinter sich zu haben, der blanke Hass ins bewusst sein schließt
und sie nur noch zu erregtem "Holzfällen" im Stande
sind.)
Ein deutscher Autor also hat diese holzschnittartig einfachen Gedichte
nicht geschrieben; es ist der in Erlangen lebende Türke Habib
Bektas, der mit dieser Sammlung wieder an die Öffentlichkeit
tritt. Sein erster Band "Belagerung des Lebens" war bereits
sehr positiv besprochen, von einer Dichterkollegen wie Ludwig Fels
sogar empathisch begrüßt worden. Ein leichter Ausländerbonus
mag da, wer will das genau wissen, durchaus mitgespielt haben, obwohl
Habib Bektas auf mildernde literaturkritische Umstände sicher
nicht angewiesen ist.
...
Eine weitere Stärke der aufs Elementare zielenden, vitalistischen
Lyrik von Habib Bektas besteht darin, dass sie ungeniert die Großen
Themen anspricht, die großen Fragen stellt. Und da sie aus dem
Munde eines Fremden kommen und noch nicht durch ihre permanente Uneingelöstheit
sinnentleert sind, lässt man es sich als Leser auch durchaus
gefallen, so menschheitsbewegend angesprochen zu werden. Denn nur
um die Hauptwörter des Lebens geht es dem Dichter: Um Liebe,
Abschied, Schmerz, Wiedersehen, Fremde, Vertrautheit, Erdverbundenheit,
Nähe zu kindlicher Ursprünglichkeit. So heißt eins
seiner schönsten Gedichte: "Abschied und Wiedersehen."
nach jeder trennung
muß sich der mensch abtasten
sich gut abtasten
was ließ man zurück, was blieb übrig.
bei jedem wiedersehen
muß der mensch mustern
den gut mustern, den er wiedersieht
ob noch da ist, was man zurückließ
Habib Bektas schafft es tatsächlich, seinen kindlich ungläubigen
Verwunderungston bis zur letzten Seile durchzuhalten. Und nicht
der Fragende steht am Ende dumm da, sondern die Befragten, die sich
in ihren pragmatisch gepolsterten Antworten gar nicht mehr so wohl
zu fühlen scheinen. So sokratisch verunsichernd ist dieses
Buch, so freundlich unterminierend. Ein Triumph der Naivität.
Dietmar Bruckner
Erlanger Nachrichten, 25 Januar 1985
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