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Fotos: ©Bernd Böhner
aktualisiert am: 01.12.2005 10:47


Bibliografie

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ohne dich ist jede stadt eine wüste

Habib Bektas' Lyrik ist nicht nur Objektivierung des Gastarbeiterdaseins, hat nicht nur das Deutschlandbild ausländischen Arbeitnehmer zum Inhalt. In weiten Teilen schreibt Bektas gegen das Alleinsein an, schreibt Gedichte vom Aneinandervorbeireden, eine Lyrik der Kommunikationslosigkeit.
Lutz Tandow
Fremdworte Nr 3

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Im Trend liegt dieses Buch nicht. Dazu ist es zu freundlich, zu positiv, dazu wird in ihm zu wenig mit finsterer Miene herumgemault; und zu verständlich ist es außerdem geschrieben. Als Titel hat es gar eine Liebeserklärung: "ohne dich ist jede stadt eine wüste." Man ahnt es schon: von einem deutschem Autor ist es nicht. Das Risiko des Verstandenwerdens wäre ihm einfach zu hoch, und der Ruch der Positivität zu gefährlich. (Wo doch vielen Literaten, sobald sie nur die Türe hinter sich zu haben, der blanke Hass ins bewusst sein schließt und sie nur noch zu erregtem "Holzfällen" im Stande sind.)
Ein deutscher Autor also hat diese holzschnittartig einfachen Gedichte nicht geschrieben; es ist der in Erlangen lebende Türke Habib Bektas, der mit dieser Sammlung wieder an die Öffentlichkeit tritt. Sein erster Band "Belagerung des Lebens" war bereits sehr positiv besprochen, von einer Dichterkollegen wie Ludwig Fels sogar empathisch begrüßt worden. Ein leichter Ausländerbonus mag da, wer will das genau wissen, durchaus mitgespielt haben, obwohl Habib Bektas auf mildernde literaturkritische Umstände sicher nicht angewiesen ist.
...
Eine weitere Stärke der aufs Elementare zielenden, vitalistischen Lyrik von Habib Bektas besteht darin, dass sie ungeniert die Großen Themen anspricht, die großen Fragen stellt. Und da sie aus dem Munde eines Fremden kommen und noch nicht durch ihre permanente Uneingelöstheit sinnentleert sind, lässt man es sich als Leser auch durchaus gefallen, so menschheitsbewegend angesprochen zu werden. Denn nur um die Hauptwörter des Lebens geht es dem Dichter: Um Liebe, Abschied, Schmerz, Wiedersehen, Fremde, Vertrautheit, Erdverbundenheit, Nähe zu kindlicher Ursprünglichkeit. So heißt eins seiner schönsten Gedichte: "Abschied und Wiedersehen."

nach jeder trennung
muß sich der mensch abtasten
sich gut abtasten
was ließ man zurück, was blieb übrig.

bei jedem wiedersehen
muß der mensch mustern
den gut mustern, den er wiedersieht
ob noch da ist, was man zurückließ

Habib Bektas schafft es tatsächlich, seinen kindlich ungläubigen Verwunderungston bis zur letzten Seile durchzuhalten. Und nicht der Fragende steht am Ende dumm da, sondern die Befragten, die sich in ihren pragmatisch gepolsterten Antworten gar nicht mehr so wohl zu fühlen scheinen. So sokratisch verunsichernd ist dieses Buch, so freundlich unterminierend. Ein Triumph der Naivität.
Dietmar Bruckner

Erlanger Nachrichten, 25 Januar 1985

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