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Skript ist fertig
Atif Yilmaz verfilmt „Duft der Schatten“ von Habib
Bektas
Der türkische Militärputsch von 1980 zerstört eine
Familie: Metins Großvater verliert vor Gram den Verstand.
Metins Vater soll bei einem Polizeiverhör geredet haben. Er
geht nach Deutschland- nach Nürnberg-, wird mit den Problemen
nicht fertig und verfällt dem Alkohol. Metins Mutter wird gefoltert,
so brutal, dass sie alle Männer verabscheut, auch ihren eigenen,
zu dem sie aus der Türkei flieht. Sie kommt nicht mehr zu Recht
mit ihm und geht eine Beziehung mit ihrer Therapeutin ein, die die
Schäden der Folter behandelt.
Und Metin? Metin, der in seiner Heimat den geliebten Großvater
und die Eltern verloren hat, wird von einem Gastarbeiterehepaar
nach Deutschland geschleust. Dort können die Eltern ihm keinen
Halt mehr geben. Metin flüchtet sich in ein Leben auf der Strasse
und gerät mehr und mehr auf die schiefe Bahn: Rauschgift und
kleine Straftaten. Seine heroinsüchtige Freundin bringt sich
um. Als sein Freund von einem Dealer ermordet wird, rächt ihn
Metin und wird selbst heroinabhängig. Die Geschichte lässt
offen, ob Metin sich mit Aids infiziert hat.
Literaturpreis für Roman
Stoff für einen Film. Diesen Gedanken hatten gleich zwei Regisseure,
als in Istanbul Habib Bektas’ Roman „Duft der Schatten“
präsentiert und der in Erlangen lebende Autor für sein
Werk mit dem „Inkilap“- Literaturpreis ausgezeichnet
wurde. Zunächst Memduh Ün. Der 1920 geborene Schauspieler,
der später Regie in vielen türkischen Klassikern führte
und selbst die Drehbücher verfasste. Der Filmemacher wollte
jedoch nur den ersten Teil des Romans verfilmen, den, der in der
Türkei spielt. Der Autor lehnte ab. Es war dann Adil Kaya.
Festivalleiter des Nürnberger InterFilmFestivals, der einen
anderen Regisseur für die ganze Geschichte begeistern konnte:
Atif Yilmaz, den Altmeister des türkischen Films und „Lehrer“
vieler erfolgreicher Filmemacher. Habib Bektas besuchte Yilmaz in
Istanbul. Sie wurden sich schnell einig: Yilmaz will auch den in
Deutschland spielenden Teil des Romans verfilmen- in Nürnberg.
„Als ich 1951 geboren wurde, hat Yilmaz seinen ersten Film
gedreht.“ Habib Bektas ist glücklich und auch ein wenig
stolz, dass es gerade dieser „politisch jung und mutige“
(Bektas) Regisseur ist, der „Duft der Schatten“ verfilmt.
Warum ihn der Stoff gereizt hat? Der Militärputsch vom 12.
September 1980 sei ein wichtiges Datum in der Türkei, nachher
sei vieles anders geworden, sagt der Autor. Das Schicksal der von
ihm gezeichneten Familie überzeugte den Regisseur, auch die
Fortsetzung der Tragödie in Franken. Dem türkischen Starkritikter
Fethi Naci kam sie etwas übertrieben vor, jedoch räumte
er ein, „dass Leute, die den deutschen Alltag besser kennen
als ich, sagen, dies sei nicht außergewöhnlich“.
Atif Yilmaz will im August in der Türkei mit den Dreharbeiten
beginnen. Das Skript ist diese Woche in Erlangen eingetroffen, und
wie immer bei Verfilmungen literarischer Stoffe muss sich der Autor
mit den Problemen der Adaption eines poetischen Textes für
die reale Welt des Kinos auseinandersetzen. Sein Roman geht jetzt
eigene Wege.
Star des türkischen Kinos
Für Metins Rolle hat Atif Yilmaz mit drei Kindern Probeaufnahmen
gemacht. Den Großvater wird Tarik Akan spielen, ein Star des
türkischen Kinos, der in „Yol“ (Der Weg) und „Sürü“
(Die Herde) mitwirkte. Im Oktober will Yilmaz soweit sein, dass
er mit seinem Team nach Deutschland kommen kann. „Ich lebe
nicht in Deutschland und nicht in der Türkei. Ich lebe in der
Sprache, in der ich Blumen pflücken kann- und das ist Türkisch.“
Habib Bektas, dessen erste Veröffentlichung in Deutschland
erschienen („Belagerung des Lebens“ im Berliner Ararat
Verlag, 1981) und 1982 mit dem Erlanger Kulturförderpreis ausgezeichnet
wurde, ist längst in der Literaturszene seines Landes heimisch
geworden.
„Hinterhof des Paradieses“
Dort ist gerade sein dritter Roman erschienen: „Cennetin Arka
Bahcesi“ (Hinterhof des Paradieses): Eine Familie aus kurdischem
Gebiet kommt an die türkische Riviera, um Geld zu verdienen
und für die Flucht nach Europa zu sparen. Und wieder ist es
ein Kind, der Sohn schließt Freundschaft mit der Besitzerin
der Pension „Paradies“, einer Frau, die aus Istanbul
vor den sie dort verfolgenden Problemen geflohen ist, einer Aussteigerin.
Die auf mehreren Ebenen geführte Handlung lässt beide
Welten erleben.
Der Roman ist bei Can (Markenzeichen: ein Herz) in Istanbul erschienen.
„Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, einen richtigen
Verlag zu haben“; sagt Habib Bektas. Er fühlt sich bei
diesem Partner gut aufgehoben, zumal er auch eine Neuauflage seines
vor zehn Jahren erschienenen Romanerstlings „Hamriyanim“
(Frau Teig) in sein Programm aufgenommen hat.
Uraufführung im Mai
In Deutschland macht er sich ein wenig rar. Zwei Jahre liegt seine
letzte Veröffentlichung zurück („Zaghaft meine Sehnsucht“
im Bonner Horlemann Verlag). Und doch ist ein neues Werk in Sicht.
„Etwas.Probe“ ist der Titel seines ersten Theaterstücks,
das im Mai kommenden Jahres in einer Inszenierung des Erlanger Theaters
seine Uraufführung erleben wird.
Klaus Springen |
Septembersturm
Für Metin hat sich die Mutter verändert, sie ist zur
Lügnerin geworden, die behauptet, nicht im Gefängnis zu
sein, wo sie doch so offensichtlich ist. Der Fünfjährige
war bei ihr in der Zelle. Der Militärputsch vom 12. September
1980 hat wie ein „Septembersturm“ das Leben in der Türkei
verändert und auch vor Metin nicht halt gemacht. Er weht den
aufgeweckten Jungen auf eine ägäische Insel zum Großvater.
Metin versteht nicht, was „Komunisten“ sind, als die
seine Eltern bezeichnet werden, oder warum die Mutter im Gefängnis
sitzt und ihre Wärter den Aufenthaltsort seines Vaters aus
ihr herausfoltern wollen. Ein Fels in der Brandung scheint ihm in
dieser heillosen Welt der kraftstrotzende Großvater, doch
Metin muss mit ansehen, wie dieser nach dem Tod der Großmutter,
der Rückkehr seiner gefolterten Tochter und der Flucht seines
Schwiegersohnes nach Deutschland in Stücke fällt. Denn
auch der damalige Partisanenkämpfer versteht die Welt nicht
mehr, begreift nicht, wie der Staat seine Bürger so verletzen
kann.
Atif Yilmaz erzählt die Familientragödie nach dem Roman
des Erlanger Autors Habib Bektas in klaren, fast überdeutlichen
Bildern. Da gibt es nichts misszuverstehen, bleibt aber auch wenig
Raum für die eigene Phantasie. Die Verzweiflung der Menschen
wird deutlich ausgesprochen und die Darsteller agieren gelegentlich
wie Bühnendarsteller und eine Spur zu melodramatisch. Und das
macht es schwer, ihnen so nahe zu kommen, wie das der Fall sein
könnte.
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Ativ Yilmaz im NZ – Interview:
„Türkei ist heute entpolitisiert“
NZ: wie werden politische Filme wie Septembersturm heute in der
Türkei aufgenommen?
Ativ Yilmaz: Ich denke, Polit- Filme haben gegenwärtig keine
großen Auswirkungen mehr. Vor dem Putsch 1980 waren solch
Filme Riesenerfolge und haben ihren Teil zur Umwandlung der türkischen
Gesellschaft beigetragen. Danach wurde unsere Gesellschaft bewusst
vom Regime entpolitisiert. Das Kinopublikum in der Türkei ist
heute durchschnittlich zwischen 15 und 25 Jahre alt und steht vollständig
unter dem Bombardement von Hollywood. Die Jugend hat ihren eigenen
Geschmack und kaum Interesse an Politik.
NZ: Gibt es denn in der Türkei keine Staatliche Zensur?
Ativ Yilmaz: Es gibt keine einheitliche Zensur, aber doch hin und
wieder Verbote. „Septembersturm“ darf in einigen Provinzen
der Türkei nicht aufgeführt werden. Einem anderen türkischen
Film, der die Korruption der Polizei thematisiert, wurde nach heftigem
Protest die Altersfreigabe ab 16 verpasst. Diese Aktion war ein
Fehlschlag. Jugendliche glauben nämlich, der Film würde
wegen der Altersgrenze erotische Szenen beinhalten und sahen sich
den Streifen an, was sie sonst nicht getan hätten.
NZ: wie haben sie selbst den Putsch 1980 erlebt?
Yilmaz: Ich war am 12. September gerade bei einem Filmfestival in
der Provinz. Ich musste dann längere Zeit vor Ort bleiben.
Außer das ich ständig kontrolliert wurde, ist mir nichts
passiert. Beim Militärputsch 1971 war das anders. Meine Wohnung
wurde gestürmt, und meine Frau hat aus Panik alle diejenigen
meiner 3000 Bücher im Regal umgedreht, die sie für gefährlich
hielt. Das Ergebnis war natürlich, das die Bücher gerade
deshalb auffielen. Aber am härtesten ist der psychologische
Druck. Wenn man aus dem Fenster schaut, sieht man einen Streifenwagen
vor seiner Tür stehen. Die Menschen werden durch solche Psychospiele
verrückt gemacht. Das ist für mich Faschismus.
Überlegene Frauen
NZ: sie zeigen in „Septembersturm“ sehr starke Frauen,
die den Männern überlegen sind. Wie werden solche Frauenfiguren
in der Türkei gesehen?
Yilmaz: Nicht nur mit Wohlwollen. Die Männer werden in eine
Gesellschaft hinein geboren, in der sie um nichts kämpfen müssen.
Frauen werden dagegen von Anfang an unterdrückt, da hat sich
wenig geändert. Am härtesten ist der Druck in den Kleinstädten.
Das wollte ich auch in meinem neuen Film zeigen. In Dörfern
und in Großstädten sind Frauen wirtschaftlich unabhängiger
von Männern. Dies schafft eine gewisse Freiheit.
Nürnberger Zeitung
2. März 2001 |
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Großfamilie unter
der Lupe
Atif Yilmaz verfilmte „Septembersturm“ von Habib Bektas.
Mittwoch ist Deutschlandpremiere
Habib Bektas` Zeitangaben sind, gelinde gesagt, ungenau. „2000
Jahre“ antwortete der Schriftsteller einmal im AZ Interview
auf die Frage, wie lange er denn schon in Erlangen lebe. Auf diese
Weise verrät Bektas allerdings sehr viel mehr, als schlichte
Fakten. Wenn er also sagt, Atif Yilmaz sei 25 Jahre alt, bedeutet
das, dass das wahre Alter des renommierten türkischen Regisseurs,
er ist 75, für ihn keine Rolle spielt und er dessen „junge
und aufgeschlossene“ Art schätzt. Und natürlich
seine „zeitgenössischen und politischen“ Filme.
Keine Frage, das der in Deutschland vor allem als Lyriker bekannte
Autor Atif Yilmaz seinen in der Türkei erschienenen Roman „Eylül
firtinasi“ verfilmen ließ. Unter dem Titel „Septembersturm“
hat der Film am Mittwoch, 20 Uhr, im Nürnberger Cinecitta Deutschlandpremiere.
Bektas und Yilmaz werden auch da sein.
In der Türkei lockte „Septembersturm“ im vergangenem
Jahr etwa 150 000 Besucher in die Kinos. Dort hat auch Bektas seine
Romanfiguren erstmals auf Leinwand gesehen. Es sind die Mitglieder
einer Großfamilie, deren Auseinanderbrechen nach dem Militärputsch
am 12. September 1980 Bektas „mit der Lupe“ beobachtet
hat: den Vater, der mit ansehen muß, wie seine Tochter im
Gefängnis gefoltert wird und der Schwiegersohn dem Alkohol
verfällt. „Er sucht einen Schuldigen für das, was
der Familie passiert, aber findet ihn nicht“, erzählt
der Erlanger Autor über den Roman, der in Nürnberg- Gostenhof
seine Fortsetzung findet. Dorthin verschlägt es die Familie,
der Enkel rutscht in die Drogenszene ab, die der Autor und Wirt
des Erlanger Theatercafes aus eigener Erfahrung als ehemaliger Mitarbeiter
der Drogenhilfe „Mudra“ kennt.
Von diesem Ende der Familientragödie erfährt das Kinopublikum
allerdings nichts. Die Dreharbeiten in Deutschland hätten das
Budget des Regisseurs gesprengt. „So ist die Geschichte unvollendet“,
bedauert Bektas, „aber da kann man nichts machen“.
Auch in anderen Dingen hatte der Autor andere Vorstellungen als
der Regisseur, der mittlerweile 200 Filme gedreht hat.
„Das ist unvermeidlich“, meinte Bektas. „Ich habe
noch nie einen Autor erlebt, der mit der Verfilmung seines Werks
zufrieden gewesen wäre“. Er jedenfalls hätte ,Septembersturm´
„anders gedreht“, aber dann, sieht Bektas ein, „Wäre
er 30 Stunden lang geworden“. Und trotz Meinungsverschiedenheiten
muss er zugeben: „Es ist ein guter Film und ich bin stolz,
dass ein großer Meister wie Yilmaz in meinem Roman einen Film
gesehen hat.“
Dass „Septembersturm“ in die Deutschen Kinos kommt,
ist dem Nürnberger InterForum und dessen beständiger (Pionier-)
Arbeit in Sachen Türkischer Film zu verdanken. Die Erfahrungen,
die der Verein durch die Veranstaltung der Türkeifilmtage,
auf denen auch Yilmaz wiederholt zu Gast war, gesammelt hat, mündeten
1999 in die Gründung eines Filmverleihs.
Der hat „Septembersturm“ untertitelt und bringt ihn
in vier Kopien in die Deutschen Kinos. Ein, wie Tuncay Kulaoglo
vom InterForum erklärt, „für unsere Verhältnisse
sehr riskantes Unternehmen“. Denn „noch ist der Verleih
ein Draufzahlgeschäft“. In zwei Jahren, hofft er, wird
genug erwirtschaftet, um eine Ganztagsstelle im Verleih finanzieren
zu können. „Wie jede junge Firma müssen wir erst
einmal Aufbauarbeit leisten, aber immer mehr Kinos, auch Multiplexe,
zeigen Interesse an türkischen Filmen.“ Und da besetzt
InterForum eine Nische – möglicherweise sogar europaweit.
Ute Maucher
Abendzeitung Nürnberg
26.02.01
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Der Verein Interforum lässt
„Septembersturm“ seit 1.März in deutschen Kinos laufen
Am 12. September 1980 putschte sich die türkische Armee an
die Macht und blies zur Jagd auf die politischen Gegner. Yilmaz
Güney machte dieses Kapitel türkischer Geschichte 1982
mit „Yol – der Weg“ zum Film – Topic –
es reichte für die Goldene Palme von Cannes. Jetzt ist ein
anderer Altmeister des türkischen Kinos darauf zurückgekommen:
Atif Yilmaz lässt die Willkür des Terrors in „Septembersturm“
einem kleinen Jungen begegnen. Er erzählt die Geschichte des
sechsjährigen Metin, der seine Mutter im Gefängnis landen
sieht, seinen Vater im Untergrund, Zwischenstation in einem trügerischen
Inselparadies bei dem Großvater macht und dann auf Zeit in
Deutschland landet.
Wo sich Metin die Zusammenhänge verschließen kann er
anderes umso klarer sehen – die Spuren der Folter an seiner
Mutter, die Gefängnisse, die Spitzel, die das Haus belagern,
und er erkennt die Lügen, mit denen ihn die Erwachsenen von
der Realität zu schützen versuchen. Die Familien zersplittern.
Die Mutter ist im Gefängnis, der Vater in den Untergrund geflüchtet.
Die Mutter muss das Land verlassen und nach Deutschland fliehen
und so geht es im Grunde um Leerstellen und Traumata, das zersplittern
von Strukturen. Damit greift der Film die realen Bewegungen auf,
als Tausende Oppositionelle nach dem Putsch ins Exil gingen.
Habib Bektas hat die Türkei 1972 in Richtung BRD verlassen.
Er lebt heute in Erlangen. Sein „Duft der Schatten“
war die Romanvorlage des Films. 1998 hatten ihn Vertreter des Vereins
Interforum mit Yilmaz zusammen gebracht und so die Verfilmung in
die Wege geleitet. Der Verein lässt zur Zeit vier Kopien des
Films durch die Kinos der deutschen Großstädte touren.
Die 40 000 Mark für das Kopierwerk mussten auf eigenes Risiko
der Mitarbeiter vorgestreckt werden. Interforum führt ein ökonomisches
Nischendasein – die Rechte an allen annährend Kommerziellen
werden auch in der Türkei von Majors abgegriffen.
Der Verein steht für die „Weiterentwicklung der lebendigen
multikulturellen Gesellschaft“.
Er möchte also nicht zwischen Mehrheit und Minderheit vermitteln,
sondern kulturelle Differenzen zwischen gleichberechtigten Kulturen
verhandeln. Inwiefern Film das prädestinierte Medium zur Entwicklung
von Parallelgesellschaften innerhalb eines Landes sein kann, sieht
man beispielsweise in Frankreich und Großbritannien. In Deutschland
geht diese Entwicklung zum interkulturellen Medium nach wie vor
irritierend schleppend voran.
Christoph Pasour
junge Welt
Interkultur
15.März 2001
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„Steiniger Weg“
Altmeister Atif Yilmaz verfilmte Roman des Erlangers Habib Bektas
„Es war ein langer, steiniger Weg, um in der Türkei als
Schriftsteller akzeptiert zu werden“, erzählt Habib Bektas,
der seit 1973 in Deutschland lebt, in Erlangen als Autor arbeitet
und dort das Theatercafe führt. Doch nach der Auszeichnung
mit zwei wichtigen türkischen Literaturpreisen, ist für
Bektas spätestens jetzt der Kampf um Anerkennung abgeschlossen:
Einer seiner Romane wurde vom renommierten Regisseur Atif Yilmaz
verfilmt. Gestern hatte „Septembersturm“ im Nürnberger
Cinecitta Premiere (Filmkritik folgt) und läuft nun im Original
mit deutschen Untertiteln (im Verleih des Nürnberger „Interforum“)
in mehreren Städten.
Zwar geht es in „Duft der Schatten“ (so der Romantitel)
auch ums Leben jenseits der „Heimat“, doch Bektas hat
genug davon, dass dies als Leitmotiv interpretiert wird. „Ich
beschäftige mich mit Menschen, und meine Heimat sind ohnehin
Worte, nicht Orte.“
Immerhin werde er seit „vier oder fünf Jahren“
in der Türkei nicht mehr als exotischer „Deutschländer“
gesehen, sondern in der Literatur-Szene auf Grund seiner Arbeit
wahrgenommen. Und in Deutschland? Bektas: „Türkische
Schriftsteller bleiben hier immer Gastarbeiter.“ Unter diesem
Stichwort zu veröffentlichen, sei zwar kein Problem, doch auf
„positive Diskriminierung“ will sich Bektas nicht einlassen.
Lieber nimmt er hin, dass nicht alle seiner in türkischer Sprache
geschriebenen Bücher hier zu Lande in Übersetzungen erhältlich
sind.
Wie wenig der „Exotenstatus“ für die „Septembersturm“
Produzenten ausschlaggebend war, zeigt ein Blick auf die filmische
Umsetzung. Die Handlung wurde verkürzt und teilweise verändert.
Die Ausgangssituation im Film und der literarischen Vorlage ist
jedoch noch gleich: Alles dreht sich um eine Familie aus der Provinz
und ihre Erlebnisse während des Militärputsches von 1980.
Die Tochter des alten, stolzen Mannes (Bektas: „Anthony Quinn
wäre eigentlich die Idealbesetzung!“) wird verschleppt
und gefoltert, um das Versteck ihres Mannes, eines Gewerkschaftsfunktionärs,
zu verraten. Sie schweigt und kehrt als gebrochene Frau zurück.
Ihr Mann wird dennoch gefasst und verrät seine Freunde. Zeuge
all dieser Ereignisse ist ein kleiner Junge, dessen Zukunft durch
die Tragödie nachhaltig beeinflusst wird.
Im Roman geht die Geschichte weiter. Der Junge kommt illegal nach
Deutschland und landet in „Gostambul“, also Nürnberg-
Gostenhof. Dort rutscht er in die Drogenszene ab. Doch hier hat
sich der Film schon längst ausgeblendet. „Sicher lag’s
nicht nur am Geld für einen Dreh in Nürnberg, sondern
zudem wäre die Handlung zu komplex geworden.“
Doch über Unterschiede will sich Bektas nicht beschweren. Schließlich
handelt es sich beim Kino eben um eine „andere Kunstebene“.
Buch ist Buch, Film ist Film. Vielmehr zählt: „Es ist
eine große Ehre, dass mein Roman vom Altmeister des türkischen
Kinos, Atif Yilmaz, verfilmt wurde.“
In der Türkei hatte „Septembersturm“ über
150000 Zuschauer. In Deutschland rechet Bektas nicht nur mit türkischem
Publikum, sondern auch mit den vielen Deutschen, die sich für
die Türkei interessieren. Dabei geht es Bektas um Denkanstöße:
„Das Wichtigste ist, eine Diskussion über die jüngste
Vergangenheit der Türkei in Gange zu setzen. Egal, ob das nun
mit dem Buch oder mit der Verfilmung passiert.“
Stefan Mössler
Nürnberger Nachrichten
1.3.01
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Licht und Schatten
Ein Geheimtipp: Der Spielfilm „Septembersturm“ von
Atif Yilmaz
Der Film heißt „Septembersturm“, und doch ist
es ein Film der Sonne und des Lichts. Die Sonne des Films ist der
kleine Lausbub Metin (Kutay Özcan) und das Licht ist das von
Bozcadda, einer Insel in der Ägäis, auf die es Metin zu
seinem Großvater verschlägt.
Der Grund dafür ist ein politischer Sturm, der 12. September
1980, als die Militärs die Regierung in der Türkei übernahmen.
Von diesem Sturm dringen seltsame, fremde Worte zu dem Fünfjährigen:
„Kommunix“, „Bast- Art“ und „Folter“.
Die freundlichen Erwachsenen antworten ausweichend auf seine Fragen
nach deren Bedeutung – doch die „Männer ohne Gesicht“,
die nachts auf der Strasse umherschleichen oder die brutalen Militärpolizisten
sprechen eine deutliche Sprache und vermitteln dem Kind eine Ahnung
davon, was staatlicher Terror bedeutet.
„Septembersturm“ hatte seine Deutschlandpremiere vor
ausverkauftem Haus im Nürnberger Cinecitta, in Anwesenheit
von Regisseur Atif Yilmaz und Habib Bektas, dem in Erlangen lebenden
Autor der Romanvorlage. Yilmaz gilt als Altmeister des türkischen
Kinos und weiß angeblich selbst nicht mehr genau, ob er 120
oder 140 Filme gedreht hat.
„Septembersturm“ ist ein ebenso intensiver wie sensibler
Film über ein dunkles Kapitel der jüngsten türkischen
Geschichte, der getragen wird von hervorragenden Schauspielern.
Neben dem sympathischen jungen Hauptdarsteller brillieren Tarik
Akan („Yol, der Weg“) und die Volkssängerin Zara.
Durch die kindliche Perspektive bekommt der Film trotz der düsteren
Thematik eine wohltuend heitere Leichtigkeit.
Ein politischer Film? Vielleicht. Eher ein Film über Menschen,
über die die Folgen der Politik hereinbrechen, wie der titelgebende
Sturm. „Ein Film, der hoffentlich Diskussionen in Gang setzt,
zum Nachdenken bringt“, meint Habib Bektas gerade im Hinblick
auf die entpolitisierte junge Generation in der Türkei.
Bei der gelungenen Premiere in Nürnberg dagegen fanden viele
Besucher aus allen Altersschichten Dinge aus ihrer eigen Erfahrung
wieder: „So war es!“ War es so? Habib Bektas, nach dem
autobiographischen Gehalt gefragt, lächelt: „Alle Schriftsteller
lügen.“ Aber ihre Lügen setzen sich oft aus vielen
kleinen Wahrheiten zusammen und eine Menge davon gibt es in „Septembersturm“
zu sehen.
Peter Romir
Nürnberger Nachrichten
2.3.01
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Bektas – Roman wurde
verfilmt
Über Putsch in der Türkei 1980
Mit großem Publikumszuspruch ist in Istanbul der erste Spielfilm
nach einem Roman des in Erlangen lebenden Autors Habib Bektas aufgeführt
worden. Der renommierte Regisseur Atif Yilmaz hat „Septembersturm“
frei nach Bektas’ 1997 erschienenem Roman „Duft der
Schatten“ gedreht.
In dem bisher nur auf Türkisch vorliegenden Buch wird die Geschichte
des Militärputsches 1980 unter General Evren behandelt, der
Verfolgung, Folter und Exil für viele Intellektuelle und Künstler
nach sich zog. Bisher wurde diese Zeit noch wenig aufgearbeitet.
Erzählt wird die Handlung aus Sicht des fünfjährigen
Jungen Metin.
In Szenen, die an ein Kammerspiel erinnern, wird das Auseinanderbrechen
einer Familie geschildert. Sie steht symbolisch für ein Land,
dessen gewachsene Strukturen durch Militärgewalt zerrissen
werden. Die türkische Zeitung Miliyet schrieb über „Septembersturm“:
„Ein wunderbarer Film, der unsere jüngere Vergangenheit
darstellt und ein Diskussionsforum bietet.“
Nürnberger Nachrichten
17.2.00
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„Septembersturm“
– Die Verfilmung eines Romans von Habib Bektas
Eine Kindheit in Umbruchzeiten
Im Mittelpunkt steht eine türkische Familie während des
Militärputsches 1980
Wie viele Filme er genau gemacht hat, daran kann sich Atif Yilmaz
beim besten Willen nicht mehr erinnern. Aber über 100 Arbeiten
sind es bestimmt gewesen, die der renommierte türkische Regie-
Veteran bis jetzt abgedreht hat. Sein neuester, im letzten Jahr
in der Türkei gestarteter Film ist die sehr gelungene Adaption
des Romans „Duft der Schatten“. Diesen schrieb der Wahl-
Erlanger und preisgekrönte Schriftsteller Habib Bektas –
Regisseur und Autor waren bei der Deutschlandpremiere am vergangenen
Mittwoch im Cinecitta anwesend.
Untergetauchter Vater
Der Film „Septembersturm“ beschreibt das Schicksal einer
mit dem Kommunismus liebäugelnden Familie nach dem Militärputsch
vom 12. September 1980. Im Mittelpunkt steht der fünfjährige
Metin. Seine Mutter sitzt in Untersuchungshaft und wird im Knast
misshandelt. Sein Vater ist untergetaucht. Hüseyin Efe, der
Großvater des Jungen, holt Metin zu sich auf seine kleine
Heimatinsel in der Ägäis. Zu Anfang fühlt sich der
Junge dort wie im Paradies. Seine Großeltern kümmern
sich liebevoll um Metin und er freundet sich mit einem etwa gleichaltrigen
Mädchen an. Aber bald überschlagen sich die Ereignisse:
Die Großmutter stirbt aus Sorge um ihre Tochter. Diese wird
körperlich schwer angeschlagen aus dem Gefängnis entlassen,
und Metins Vater wird zum Verräter. Als die Familie auch die
Restfamilie weiterhin bedrängt, droht Hüseyin langsam
den Verstand zu verlieren.
„Septembersturm“ ist, obwohl die erzählten Ereignisse
20 Jahre zurückliegen, ein auch heute noch brisanter politischer
Film mit Elementen aus Tragödie und Komödie. Für
die Komik ist dabei der fünfjährige Hauptdarsteller zuständig,
dessen Spiel als Gegengewicht zu den dramatischen Szenen eingesetzt
wird. Anders als beim durchschnittlichen Hollywood- Kino verkommt
„Septembersturm“ durch solche Einlagen aber nicht zum
kindlichen Klamauk. Yilmaz gelingt ein packendes Zeitporträt
und Polit- Sittengemälde seiner Heimat, das leider durch den
uninspirierten Schluss etwas ramponiert wird.
Der Roman von Habib Bektas zeigt Metin später als Jugendlichen
in Nürnberg, der illegal in Gostenhof lebt und sich im Drogenmilieu
bewegt. Dieser Teil der Vorlage fehlt im Film aus verschiedenen
Gründen völlig. Eigentlich hätte man „Septembersturm“
mit einer Nahaufnahme des Großvaters enden lassen können.
Doch leider zeigt der Film Metin und seine ergraute Mutter, wie
sie nach fast 20 Jahren wieder auf die Insel zurückkommen und
am Grab der Großeltern Händchen halten. Ein kitschiger
B- Movie- Schluss, von dem ehrlicherweise auch der Regisseur mittlerweile
sagt, dass er ihn so nicht mehr drehen würde.
(Cinecitta) suse
Nürnberger Zeitung
2.3.01
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Politik und Poesie
Sturm im September von Atif Yilmaz
Habib Bektas, Autor und Gastronom in Erlangen, veröffentlichte
1997 in türkischer Sprache den Roman „Duft der Schatten“.
Darin erzählt er die Geschichte einer Familie in der Türkei
während des Militärputsches von 1980, der das ganze Land
mit Gewalt und Repression überzogen hatte. Im Zentrum steht
der kleine Bub Metin, dessen Eltern polizeilich verfolgt werden.
Seine Mutter ist in Untersuchungshaft, der Vater auf der Flucht.
Der Großvater nimmt ihn mit auf die ägäischen Inseln
Bozcaada, wo er nun leben muss – in ständigem Bangen
und Hoffen auf ein Wiedersehen mit den Eltern. Yilmaz filmte aus
der Perspektive des Jungen, dem die Menschen um ihn herum, die undurchsichtigen
politischen Ereignisse in poetisch – grotesken Formen erscheinen.
Meisterregisseur Atif Yilmaz entschied nach der Lektüre spontan,
dieses Buch zu verfilmen und präsentierte das fertige Opus
im Februar 2000 in Istanbul. Das sein Werk - „ein wunderbarer
Film“, so der Tenor der türkischen Presse - , jetzt auch
in deutschen Kinos gezeigt wird, ist der Initiative des Nürnberger
„Interforum“ zu verdanken. „Sturm im September“
ist gewiss ein Film, der eine politische Vergangenheit, deren Spuren
und Folgen bis in die türkische Gegenwart reichen, „aufarbeitet“,
aber er tut dies sozusagen aus „kindlicher Sicht“ –
und löst sich damit von dem Zwang, „dokumentarisch“
oder gar kolportagenhaft werden zu müssen. Und Yilmaz nutzte
die so gewonnene künstlerische Freiheit durch einen Film, der
Dank des exzellenten Spiels des Jungen wie seine Mitakteure, zu
berühren vermag und ein intensives Bild davon gibt, was passiert,
wenn auf Menschen Druck ausgeübt wird
Plärrer
März 2001
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