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Fotos: ©Bernd Böhner
aktualisiert am: 01.12.2005 10:47


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Skript ist fertig

Atif Yilmaz verfilmt „Duft der Schatten“ von Habib Bektas


Der türkische Militärputsch von 1980 zerstört eine Familie: Metins Großvater verliert vor Gram den Verstand. Metins Vater soll bei einem Polizeiverhör geredet haben. Er geht nach Deutschland- nach Nürnberg-, wird mit den Problemen nicht fertig und verfällt dem Alkohol. Metins Mutter wird gefoltert, so brutal, dass sie alle Männer verabscheut, auch ihren eigenen, zu dem sie aus der Türkei flieht. Sie kommt nicht mehr zu Recht mit ihm und geht eine Beziehung mit ihrer Therapeutin ein, die die Schäden der Folter behandelt.
Und Metin? Metin, der in seiner Heimat den geliebten Großvater und die Eltern verloren hat, wird von einem Gastarbeiterehepaar nach Deutschland geschleust. Dort können die Eltern ihm keinen Halt mehr geben. Metin flüchtet sich in ein Leben auf der Strasse und gerät mehr und mehr auf die schiefe Bahn: Rauschgift und kleine Straftaten. Seine heroinsüchtige Freundin bringt sich um. Als sein Freund von einem Dealer ermordet wird, rächt ihn Metin und wird selbst heroinabhängig. Die Geschichte lässt offen, ob Metin sich mit Aids infiziert hat.

Literaturpreis für Roman
Stoff für einen Film. Diesen Gedanken hatten gleich zwei Regisseure, als in Istanbul Habib Bektas’ Roman „Duft der Schatten“ präsentiert und der in Erlangen lebende Autor für sein Werk mit dem „Inkilap“- Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Zunächst Memduh Ün. Der 1920 geborene Schauspieler, der später Regie in vielen türkischen Klassikern führte und selbst die Drehbücher verfasste. Der Filmemacher wollte jedoch nur den ersten Teil des Romans verfilmen, den, der in der Türkei spielt. Der Autor lehnte ab. Es war dann Adil Kaya. Festivalleiter des Nürnberger InterFilmFestivals, der einen anderen Regisseur für die ganze Geschichte begeistern konnte: Atif Yilmaz, den Altmeister des türkischen Films und „Lehrer“ vieler erfolgreicher Filmemacher. Habib Bektas besuchte Yilmaz in Istanbul. Sie wurden sich schnell einig: Yilmaz will auch den in Deutschland spielenden Teil des Romans verfilmen- in Nürnberg.
„Als ich 1951 geboren wurde, hat Yilmaz seinen ersten Film gedreht.“ Habib Bektas ist glücklich und auch ein wenig stolz, dass es gerade dieser „politisch jung und mutige“ (Bektas) Regisseur ist, der „Duft der Schatten“ verfilmt. Warum ihn der Stoff gereizt hat? Der Militärputsch vom 12. September 1980 sei ein wichtiges Datum in der Türkei, nachher sei vieles anders geworden, sagt der Autor. Das Schicksal der von ihm gezeichneten Familie überzeugte den Regisseur, auch die Fortsetzung der Tragödie in Franken. Dem türkischen Starkritikter Fethi Naci kam sie etwas übertrieben vor, jedoch räumte er ein, „dass Leute, die den deutschen Alltag besser kennen als ich, sagen, dies sei nicht außergewöhnlich“. Atif Yilmaz will im August in der Türkei mit den Dreharbeiten beginnen. Das Skript ist diese Woche in Erlangen eingetroffen, und wie immer bei Verfilmungen literarischer Stoffe muss sich der Autor mit den Problemen der Adaption eines poetischen Textes für die reale Welt des Kinos auseinandersetzen. Sein Roman geht jetzt eigene Wege.

Star des türkischen Kinos
Für Metins Rolle hat Atif Yilmaz mit drei Kindern Probeaufnahmen gemacht. Den Großvater wird Tarik Akan spielen, ein Star des türkischen Kinos, der in „Yol“ (Der Weg) und „Sürü“ (Die Herde) mitwirkte. Im Oktober will Yilmaz soweit sein, dass er mit seinem Team nach Deutschland kommen kann. „Ich lebe nicht in Deutschland und nicht in der Türkei. Ich lebe in der Sprache, in der ich Blumen pflücken kann- und das ist Türkisch.“ Habib Bektas, dessen erste Veröffentlichung in Deutschland erschienen („Belagerung des Lebens“ im Berliner Ararat Verlag, 1981) und 1982 mit dem Erlanger Kulturförderpreis ausgezeichnet wurde, ist längst in der Literaturszene seines Landes heimisch geworden.

„Hinterhof des Paradieses“
Dort ist gerade sein dritter Roman erschienen: „Cennetin Arka Bahcesi“ (Hinterhof des Paradieses): Eine Familie aus kurdischem Gebiet kommt an die türkische Riviera, um Geld zu verdienen und für die Flucht nach Europa zu sparen. Und wieder ist es ein Kind, der Sohn schließt Freundschaft mit der Besitzerin der Pension „Paradies“, einer Frau, die aus Istanbul vor den sie dort verfolgenden Problemen geflohen ist, einer Aussteigerin. Die auf mehreren Ebenen geführte Handlung lässt beide Welten erleben.
Der Roman ist bei Can (Markenzeichen: ein Herz) in Istanbul erschienen. „Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, einen richtigen Verlag zu haben“; sagt Habib Bektas. Er fühlt sich bei diesem Partner gut aufgehoben, zumal er auch eine Neuauflage seines vor zehn Jahren erschienenen Romanerstlings „Hamriyanim“ (Frau Teig) in sein Programm aufgenommen hat.

Uraufführung im Mai
In Deutschland macht er sich ein wenig rar. Zwei Jahre liegt seine letzte Veröffentlichung zurück („Zaghaft meine Sehnsucht“ im Bonner Horlemann Verlag). Und doch ist ein neues Werk in Sicht. „Etwas.Probe“ ist der Titel seines ersten Theaterstücks, das im Mai kommenden Jahres in einer Inszenierung des Erlanger Theaters seine Uraufführung erleben wird.
Klaus Springen

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Septembersturm

Für Metin hat sich die Mutter verändert, sie ist zur Lügnerin geworden, die behauptet, nicht im Gefängnis zu sein, wo sie doch so offensichtlich ist. Der Fünfjährige war bei ihr in der Zelle. Der Militärputsch vom 12. September 1980 hat wie ein „Septembersturm“ das Leben in der Türkei verändert und auch vor Metin nicht halt gemacht. Er weht den aufgeweckten Jungen auf eine ägäische Insel zum Großvater.
Metin versteht nicht, was „Komunisten“ sind, als die seine Eltern bezeichnet werden, oder warum die Mutter im Gefängnis sitzt und ihre Wärter den Aufenthaltsort seines Vaters aus ihr herausfoltern wollen. Ein Fels in der Brandung scheint ihm in dieser heillosen Welt der kraftstrotzende Großvater, doch Metin muss mit ansehen, wie dieser nach dem Tod der Großmutter, der Rückkehr seiner gefolterten Tochter und der Flucht seines Schwiegersohnes nach Deutschland in Stücke fällt. Denn auch der damalige Partisanenkämpfer versteht die Welt nicht mehr, begreift nicht, wie der Staat seine Bürger so verletzen kann.
Atif Yilmaz erzählt die Familientragödie nach dem Roman des Erlanger Autors Habib Bektas in klaren, fast überdeutlichen Bildern. Da gibt es nichts misszuverstehen, bleibt aber auch wenig Raum für die eigene Phantasie. Die Verzweiflung der Menschen wird deutlich ausgesprochen und die Darsteller agieren gelegentlich wie Bühnendarsteller und eine Spur zu melodramatisch. Und das macht es schwer, ihnen so nahe zu kommen, wie das der Fall sein könnte.

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Ativ Yilmaz im NZ – Interview:

„Türkei ist heute entpolitisiert“


NZ: wie werden politische Filme wie Septembersturm heute in der Türkei aufgenommen?
Ativ Yilmaz: Ich denke, Polit- Filme haben gegenwärtig keine großen Auswirkungen mehr. Vor dem Putsch 1980 waren solch Filme Riesenerfolge und haben ihren Teil zur Umwandlung der türkischen Gesellschaft beigetragen. Danach wurde unsere Gesellschaft bewusst vom Regime entpolitisiert. Das Kinopublikum in der Türkei ist heute durchschnittlich zwischen 15 und 25 Jahre alt und steht vollständig unter dem Bombardement von Hollywood. Die Jugend hat ihren eigenen Geschmack und kaum Interesse an Politik.
NZ: Gibt es denn in der Türkei keine Staatliche Zensur?
Ativ Yilmaz: Es gibt keine einheitliche Zensur, aber doch hin und wieder Verbote. „Septembersturm“ darf in einigen Provinzen der Türkei nicht aufgeführt werden. Einem anderen türkischen Film, der die Korruption der Polizei thematisiert, wurde nach heftigem Protest die Altersfreigabe ab 16 verpasst. Diese Aktion war ein Fehlschlag. Jugendliche glauben nämlich, der Film würde wegen der Altersgrenze erotische Szenen beinhalten und sahen sich den Streifen an, was sie sonst nicht getan hätten.
NZ: wie haben sie selbst den Putsch 1980 erlebt?
Yilmaz: Ich war am 12. September gerade bei einem Filmfestival in der Provinz. Ich musste dann längere Zeit vor Ort bleiben. Außer das ich ständig kontrolliert wurde, ist mir nichts passiert. Beim Militärputsch 1971 war das anders. Meine Wohnung wurde gestürmt, und meine Frau hat aus Panik alle diejenigen meiner 3000 Bücher im Regal umgedreht, die sie für gefährlich hielt. Das Ergebnis war natürlich, das die Bücher gerade deshalb auffielen. Aber am härtesten ist der psychologische Druck. Wenn man aus dem Fenster schaut, sieht man einen Streifenwagen vor seiner Tür stehen. Die Menschen werden durch solche Psychospiele verrückt gemacht. Das ist für mich Faschismus.

Überlegene Frauen

NZ: sie zeigen in „Septembersturm“ sehr starke Frauen, die den Männern überlegen sind. Wie werden solche Frauenfiguren in der Türkei gesehen?
Yilmaz: Nicht nur mit Wohlwollen. Die Männer werden in eine Gesellschaft hinein geboren, in der sie um nichts kämpfen müssen. Frauen werden dagegen von Anfang an unterdrückt, da hat sich wenig geändert. Am härtesten ist der Druck in den Kleinstädten. Das wollte ich auch in meinem neuen Film zeigen. In Dörfern und in Großstädten sind Frauen wirtschaftlich unabhängiger von Männern. Dies schafft eine gewisse Freiheit.
Nürnberger Zeitung
2. März 2001

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Großfamilie unter der Lupe

Atif Yilmaz verfilmte „Septembersturm“ von Habib Bektas.
Mittwoch ist Deutschlandpremiere

Habib Bektas` Zeitangaben sind, gelinde gesagt, ungenau. „2000 Jahre“ antwortete der Schriftsteller einmal im AZ Interview auf die Frage, wie lange er denn schon in Erlangen lebe. Auf diese Weise verrät Bektas allerdings sehr viel mehr, als schlichte Fakten. Wenn er also sagt, Atif Yilmaz sei 25 Jahre alt, bedeutet das, dass das wahre Alter des renommierten türkischen Regisseurs, er ist 75, für ihn keine Rolle spielt und er dessen „junge und aufgeschlossene“ Art schätzt. Und natürlich seine „zeitgenössischen und politischen“ Filme. Keine Frage, das der in Deutschland vor allem als Lyriker bekannte Autor Atif Yilmaz seinen in der Türkei erschienenen Roman „Eylül firtinasi“ verfilmen ließ. Unter dem Titel „Septembersturm“ hat der Film am Mittwoch, 20 Uhr, im Nürnberger Cinecitta Deutschlandpremiere. Bektas und Yilmaz werden auch da sein.
In der Türkei lockte „Septembersturm“ im vergangenem Jahr etwa 150 000 Besucher in die Kinos. Dort hat auch Bektas seine Romanfiguren erstmals auf Leinwand gesehen. Es sind die Mitglieder einer Großfamilie, deren Auseinanderbrechen nach dem Militärputsch am 12. September 1980 Bektas „mit der Lupe“ beobachtet hat: den Vater, der mit ansehen muß, wie seine Tochter im Gefängnis gefoltert wird und der Schwiegersohn dem Alkohol verfällt. „Er sucht einen Schuldigen für das, was der Familie passiert, aber findet ihn nicht“, erzählt der Erlanger Autor über den Roman, der in Nürnberg- Gostenhof seine Fortsetzung findet. Dorthin verschlägt es die Familie, der Enkel rutscht in die Drogenszene ab, die der Autor und Wirt des Erlanger Theatercafes aus eigener Erfahrung als ehemaliger Mitarbeiter der Drogenhilfe „Mudra“ kennt.
Von diesem Ende der Familientragödie erfährt das Kinopublikum allerdings nichts. Die Dreharbeiten in Deutschland hätten das Budget des Regisseurs gesprengt. „So ist die Geschichte unvollendet“, bedauert Bektas, „aber da kann man nichts machen“.
Auch in anderen Dingen hatte der Autor andere Vorstellungen als der Regisseur, der mittlerweile 200 Filme gedreht hat.
„Das ist unvermeidlich“, meinte Bektas. „Ich habe noch nie einen Autor erlebt, der mit der Verfilmung seines Werks zufrieden gewesen wäre“. Er jedenfalls hätte ,Septembersturm´ „anders gedreht“, aber dann, sieht Bektas ein, „Wäre er 30 Stunden lang geworden“. Und trotz Meinungsverschiedenheiten muss er zugeben: „Es ist ein guter Film und ich bin stolz, dass ein großer Meister wie Yilmaz in meinem Roman einen Film gesehen hat.“
Dass „Septembersturm“ in die Deutschen Kinos kommt, ist dem Nürnberger InterForum und dessen beständiger (Pionier-) Arbeit in Sachen Türkischer Film zu verdanken. Die Erfahrungen, die der Verein durch die Veranstaltung der Türkeifilmtage, auf denen auch Yilmaz wiederholt zu Gast war, gesammelt hat, mündeten 1999 in die Gründung eines Filmverleihs.
Der hat „Septembersturm“ untertitelt und bringt ihn in vier Kopien in die Deutschen Kinos. Ein, wie Tuncay Kulaoglo vom InterForum erklärt, „für unsere Verhältnisse sehr riskantes Unternehmen“. Denn „noch ist der Verleih ein Draufzahlgeschäft“. In zwei Jahren, hofft er, wird genug erwirtschaftet, um eine Ganztagsstelle im Verleih finanzieren zu können. „Wie jede junge Firma müssen wir erst einmal Aufbauarbeit leisten, aber immer mehr Kinos, auch Multiplexe, zeigen Interesse an türkischen Filmen.“ Und da besetzt InterForum eine Nische – möglicherweise sogar europaweit.

Ute Maucher

Abendzeitung Nürnberg
26.02.01

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Der Verein Interforum lässt „Septembersturm“ seit 1.März in deutschen Kinos laufen

Am 12. September 1980 putschte sich die türkische Armee an die Macht und blies zur Jagd auf die politischen Gegner. Yilmaz Güney machte dieses Kapitel türkischer Geschichte 1982 mit „Yol – der Weg“ zum Film – Topic – es reichte für die Goldene Palme von Cannes. Jetzt ist ein anderer Altmeister des türkischen Kinos darauf zurückgekommen: Atif Yilmaz lässt die Willkür des Terrors in „Septembersturm“ einem kleinen Jungen begegnen. Er erzählt die Geschichte des sechsjährigen Metin, der seine Mutter im Gefängnis landen sieht, seinen Vater im Untergrund, Zwischenstation in einem trügerischen Inselparadies bei dem Großvater macht und dann auf Zeit in Deutschland landet.
Wo sich Metin die Zusammenhänge verschließen kann er anderes umso klarer sehen – die Spuren der Folter an seiner Mutter, die Gefängnisse, die Spitzel, die das Haus belagern, und er erkennt die Lügen, mit denen ihn die Erwachsenen von der Realität zu schützen versuchen. Die Familien zersplittern. Die Mutter ist im Gefängnis, der Vater in den Untergrund geflüchtet. Die Mutter muss das Land verlassen und nach Deutschland fliehen und so geht es im Grunde um Leerstellen und Traumata, das zersplittern von Strukturen. Damit greift der Film die realen Bewegungen auf, als Tausende Oppositionelle nach dem Putsch ins Exil gingen.
Habib Bektas hat die Türkei 1972 in Richtung BRD verlassen. Er lebt heute in Erlangen. Sein „Duft der Schatten“ war die Romanvorlage des Films. 1998 hatten ihn Vertreter des Vereins Interforum mit Yilmaz zusammen gebracht und so die Verfilmung in die Wege geleitet. Der Verein lässt zur Zeit vier Kopien des Films durch die Kinos der deutschen Großstädte touren. Die 40 000 Mark für das Kopierwerk mussten auf eigenes Risiko der Mitarbeiter vorgestreckt werden. Interforum führt ein ökonomisches Nischendasein – die Rechte an allen annährend Kommerziellen werden auch in der Türkei von Majors abgegriffen.
Der Verein steht für die „Weiterentwicklung der lebendigen multikulturellen Gesellschaft“.
Er möchte also nicht zwischen Mehrheit und Minderheit vermitteln, sondern kulturelle Differenzen zwischen gleichberechtigten Kulturen verhandeln. Inwiefern Film das prädestinierte Medium zur Entwicklung von Parallelgesellschaften innerhalb eines Landes sein kann, sieht man beispielsweise in Frankreich und Großbritannien. In Deutschland geht diese Entwicklung zum interkulturellen Medium nach wie vor irritierend schleppend voran.

Christoph Pasour

junge Welt
Interkultur
15.März 2001

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„Steiniger Weg“

Altmeister Atif Yilmaz verfilmte Roman des Erlangers Habib Bektas


„Es war ein langer, steiniger Weg, um in der Türkei als Schriftsteller akzeptiert zu werden“, erzählt Habib Bektas, der seit 1973 in Deutschland lebt, in Erlangen als Autor arbeitet und dort das Theatercafe führt. Doch nach der Auszeichnung mit zwei wichtigen türkischen Literaturpreisen, ist für Bektas spätestens jetzt der Kampf um Anerkennung abgeschlossen: Einer seiner Romane wurde vom renommierten Regisseur Atif Yilmaz verfilmt. Gestern hatte „Septembersturm“ im Nürnberger Cinecitta Premiere (Filmkritik folgt) und läuft nun im Original mit deutschen Untertiteln (im Verleih des Nürnberger „Interforum“) in mehreren Städten.
Zwar geht es in „Duft der Schatten“ (so der Romantitel) auch ums Leben jenseits der „Heimat“, doch Bektas hat genug davon, dass dies als Leitmotiv interpretiert wird. „Ich beschäftige mich mit Menschen, und meine Heimat sind ohnehin Worte, nicht Orte.“
Immerhin werde er seit „vier oder fünf Jahren“ in der Türkei nicht mehr als exotischer „Deutschländer“ gesehen, sondern in der Literatur-Szene auf Grund seiner Arbeit wahrgenommen. Und in Deutschland? Bektas: „Türkische Schriftsteller bleiben hier immer Gastarbeiter.“ Unter diesem Stichwort zu veröffentlichen, sei zwar kein Problem, doch auf „positive Diskriminierung“ will sich Bektas nicht einlassen. Lieber nimmt er hin, dass nicht alle seiner in türkischer Sprache geschriebenen Bücher hier zu Lande in Übersetzungen erhältlich sind.
Wie wenig der „Exotenstatus“ für die „Septembersturm“ Produzenten ausschlaggebend war, zeigt ein Blick auf die filmische Umsetzung. Die Handlung wurde verkürzt und teilweise verändert. Die Ausgangssituation im Film und der literarischen Vorlage ist jedoch noch gleich: Alles dreht sich um eine Familie aus der Provinz und ihre Erlebnisse während des Militärputsches von 1980.
Die Tochter des alten, stolzen Mannes (Bektas: „Anthony Quinn wäre eigentlich die Idealbesetzung!“) wird verschleppt und gefoltert, um das Versteck ihres Mannes, eines Gewerkschaftsfunktionärs, zu verraten. Sie schweigt und kehrt als gebrochene Frau zurück. Ihr Mann wird dennoch gefasst und verrät seine Freunde. Zeuge all dieser Ereignisse ist ein kleiner Junge, dessen Zukunft durch die Tragödie nachhaltig beeinflusst wird.
Im Roman geht die Geschichte weiter. Der Junge kommt illegal nach Deutschland und landet in „Gostambul“, also Nürnberg- Gostenhof. Dort rutscht er in die Drogenszene ab. Doch hier hat sich der Film schon längst ausgeblendet. „Sicher lag’s nicht nur am Geld für einen Dreh in Nürnberg, sondern zudem wäre die Handlung zu komplex geworden.“
Doch über Unterschiede will sich Bektas nicht beschweren. Schließlich handelt es sich beim Kino eben um eine „andere Kunstebene“. Buch ist Buch, Film ist Film. Vielmehr zählt: „Es ist eine große Ehre, dass mein Roman vom Altmeister des türkischen Kinos, Atif Yilmaz, verfilmt wurde.“
In der Türkei hatte „Septembersturm“ über 150000 Zuschauer. In Deutschland rechet Bektas nicht nur mit türkischem Publikum, sondern auch mit den vielen Deutschen, die sich für die Türkei interessieren. Dabei geht es Bektas um Denkanstöße: „Das Wichtigste ist, eine Diskussion über die jüngste Vergangenheit der Türkei in Gange zu setzen. Egal, ob das nun mit dem Buch oder mit der Verfilmung passiert.“
Stefan Mössler
Nürnberger Nachrichten
1.3.01

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Licht und Schatten

Ein Geheimtipp: Der Spielfilm „Septembersturm“ von Atif Yilmaz

Der Film heißt „Septembersturm“, und doch ist es ein Film der Sonne und des Lichts. Die Sonne des Films ist der kleine Lausbub Metin (Kutay Özcan) und das Licht ist das von Bozcadda, einer Insel in der Ägäis, auf die es Metin zu seinem Großvater verschlägt.
Der Grund dafür ist ein politischer Sturm, der 12. September 1980, als die Militärs die Regierung in der Türkei übernahmen. Von diesem Sturm dringen seltsame, fremde Worte zu dem Fünfjährigen: „Kommunix“, „Bast- Art“ und „Folter“. Die freundlichen Erwachsenen antworten ausweichend auf seine Fragen nach deren Bedeutung – doch die „Männer ohne Gesicht“, die nachts auf der Strasse umherschleichen oder die brutalen Militärpolizisten sprechen eine deutliche Sprache und vermitteln dem Kind eine Ahnung davon, was staatlicher Terror bedeutet.
„Septembersturm“ hatte seine Deutschlandpremiere vor ausverkauftem Haus im Nürnberger Cinecitta, in Anwesenheit von Regisseur Atif Yilmaz und Habib Bektas, dem in Erlangen lebenden Autor der Romanvorlage. Yilmaz gilt als Altmeister des türkischen Kinos und weiß angeblich selbst nicht mehr genau, ob er 120 oder 140 Filme gedreht hat.
„Septembersturm“ ist ein ebenso intensiver wie sensibler Film über ein dunkles Kapitel der jüngsten türkischen Geschichte, der getragen wird von hervorragenden Schauspielern. Neben dem sympathischen jungen Hauptdarsteller brillieren Tarik Akan („Yol, der Weg“) und die Volkssängerin Zara. Durch die kindliche Perspektive bekommt der Film trotz der düsteren Thematik eine wohltuend heitere Leichtigkeit.
Ein politischer Film? Vielleicht. Eher ein Film über Menschen, über die die Folgen der Politik hereinbrechen, wie der titelgebende Sturm. „Ein Film, der hoffentlich Diskussionen in Gang setzt, zum Nachdenken bringt“, meint Habib Bektas gerade im Hinblick auf die entpolitisierte junge Generation in der Türkei.
Bei der gelungenen Premiere in Nürnberg dagegen fanden viele Besucher aus allen Altersschichten Dinge aus ihrer eigen Erfahrung wieder: „So war es!“ War es so? Habib Bektas, nach dem autobiographischen Gehalt gefragt, lächelt: „Alle Schriftsteller lügen.“ Aber ihre Lügen setzen sich oft aus vielen kleinen Wahrheiten zusammen und eine Menge davon gibt es in „Septembersturm“ zu sehen.
Peter Romir

Nürnberger Nachrichten
2.3.01

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Bektas – Roman wurde verfilmt

Über Putsch in der Türkei 1980

Mit großem Publikumszuspruch ist in Istanbul der erste Spielfilm nach einem Roman des in Erlangen lebenden Autors Habib Bektas aufgeführt worden. Der renommierte Regisseur Atif Yilmaz hat „Septembersturm“ frei nach Bektas’ 1997 erschienenem Roman „Duft der Schatten“ gedreht.
In dem bisher nur auf Türkisch vorliegenden Buch wird die Geschichte des Militärputsches 1980 unter General Evren behandelt, der Verfolgung, Folter und Exil für viele Intellektuelle und Künstler nach sich zog. Bisher wurde diese Zeit noch wenig aufgearbeitet. Erzählt wird die Handlung aus Sicht des fünfjährigen Jungen Metin.
In Szenen, die an ein Kammerspiel erinnern, wird das Auseinanderbrechen einer Familie geschildert. Sie steht symbolisch für ein Land, dessen gewachsene Strukturen durch Militärgewalt zerrissen werden. Die türkische Zeitung Miliyet schrieb über „Septembersturm“: „Ein wunderbarer Film, der unsere jüngere Vergangenheit darstellt und ein Diskussionsforum bietet.“

Nürnberger Nachrichten
17.2.00

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„Septembersturm“ – Die Verfilmung eines Romans von Habib Bektas

Eine Kindheit in Umbruchzeiten
Im Mittelpunkt steht eine türkische Familie während des Militärputsches 1980

Wie viele Filme er genau gemacht hat, daran kann sich Atif Yilmaz beim besten Willen nicht mehr erinnern. Aber über 100 Arbeiten sind es bestimmt gewesen, die der renommierte türkische Regie- Veteran bis jetzt abgedreht hat. Sein neuester, im letzten Jahr in der Türkei gestarteter Film ist die sehr gelungene Adaption des Romans „Duft der Schatten“. Diesen schrieb der Wahl- Erlanger und preisgekrönte Schriftsteller Habib Bektas – Regisseur und Autor waren bei der Deutschlandpremiere am vergangenen Mittwoch im Cinecitta anwesend.

Untergetauchter Vater
Der Film „Septembersturm“ beschreibt das Schicksal einer mit dem Kommunismus liebäugelnden Familie nach dem Militärputsch vom 12. September 1980. Im Mittelpunkt steht der fünfjährige Metin. Seine Mutter sitzt in Untersuchungshaft und wird im Knast misshandelt. Sein Vater ist untergetaucht. Hüseyin Efe, der Großvater des Jungen, holt Metin zu sich auf seine kleine Heimatinsel in der Ägäis. Zu Anfang fühlt sich der Junge dort wie im Paradies. Seine Großeltern kümmern sich liebevoll um Metin und er freundet sich mit einem etwa gleichaltrigen Mädchen an. Aber bald überschlagen sich die Ereignisse: Die Großmutter stirbt aus Sorge um ihre Tochter. Diese wird körperlich schwer angeschlagen aus dem Gefängnis entlassen, und Metins Vater wird zum Verräter. Als die Familie auch die Restfamilie weiterhin bedrängt, droht Hüseyin langsam den Verstand zu verlieren.
„Septembersturm“ ist, obwohl die erzählten Ereignisse 20 Jahre zurückliegen, ein auch heute noch brisanter politischer Film mit Elementen aus Tragödie und Komödie. Für die Komik ist dabei der fünfjährige Hauptdarsteller zuständig, dessen Spiel als Gegengewicht zu den dramatischen Szenen eingesetzt wird. Anders als beim durchschnittlichen Hollywood- Kino verkommt „Septembersturm“ durch solche Einlagen aber nicht zum kindlichen Klamauk. Yilmaz gelingt ein packendes Zeitporträt und Polit- Sittengemälde seiner Heimat, das leider durch den uninspirierten Schluss etwas ramponiert wird.
Der Roman von Habib Bektas zeigt Metin später als Jugendlichen in Nürnberg, der illegal in Gostenhof lebt und sich im Drogenmilieu bewegt. Dieser Teil der Vorlage fehlt im Film aus verschiedenen Gründen völlig. Eigentlich hätte man „Septembersturm“ mit einer Nahaufnahme des Großvaters enden lassen können. Doch leider zeigt der Film Metin und seine ergraute Mutter, wie sie nach fast 20 Jahren wieder auf die Insel zurückkommen und am Grab der Großeltern Händchen halten. Ein kitschiger B- Movie- Schluss, von dem ehrlicherweise auch der Regisseur mittlerweile sagt, dass er ihn so nicht mehr drehen würde.
(Cinecitta) suse

Nürnberger Zeitung
2.3.01

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Politik und Poesie

Sturm im September von Atif Yilmaz

Habib Bektas, Autor und Gastronom in Erlangen, veröffentlichte 1997 in türkischer Sprache den Roman „Duft der Schatten“. Darin erzählt er die Geschichte einer Familie in der Türkei während des Militärputsches von 1980, der das ganze Land mit Gewalt und Repression überzogen hatte. Im Zentrum steht der kleine Bub Metin, dessen Eltern polizeilich verfolgt werden. Seine Mutter ist in Untersuchungshaft, der Vater auf der Flucht. Der Großvater nimmt ihn mit auf die ägäischen Inseln Bozcaada, wo er nun leben muss – in ständigem Bangen und Hoffen auf ein Wiedersehen mit den Eltern. Yilmaz filmte aus der Perspektive des Jungen, dem die Menschen um ihn herum, die undurchsichtigen politischen Ereignisse in poetisch – grotesken Formen erscheinen.
Meisterregisseur Atif Yilmaz entschied nach der Lektüre spontan, dieses Buch zu verfilmen und präsentierte das fertige Opus im Februar 2000 in Istanbul. Das sein Werk - „ein wunderbarer Film“, so der Tenor der türkischen Presse - , jetzt auch in deutschen Kinos gezeigt wird, ist der Initiative des Nürnberger „Interforum“ zu verdanken. „Sturm im September“ ist gewiss ein Film, der eine politische Vergangenheit, deren Spuren und Folgen bis in die türkische Gegenwart reichen, „aufarbeitet“, aber er tut dies sozusagen aus „kindlicher Sicht“ – und löst sich damit von dem Zwang, „dokumentarisch“ oder gar kolportagenhaft werden zu müssen. Und Yilmaz nutzte die so gewonnene künstlerische Freiheit durch einen Film, der Dank des exzellenten Spiels des Jungen wie seine Mitakteure, zu berühren vermag und ein intensives Bild davon gibt, was passiert, wenn auf Menschen Druck ausgeübt wird

Plärrer
März 2001

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©Ralf Bergmann