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etwas (Theaterstück)
Späte Uraufführung: „Etwas“ von Habib Bektas in Erlangen
Eine Leere Bühne, ein einsamer Stuhl – Raum für einen Türken und seine flügellahme Seele:
In der Erlanger Theater-Garage wurde Habib Bektas` Bühnenmonolog „Etwas“ freundlich aufgenommen.
Eine Stunde lang rätselt Bektas` Ali an seiner Geschichte herum: 1971 Anwerbungsfleischbeschau in Istanbul und Abflug ins bundesdeutsche Krawatten- Paradies, es folgen die erste Kleinwohnung, die Geburt der Tochter, für seine Frau die Pille und ein Arbeitsplatz am Fließband. Ein Haus wird gebaut, ein Mercedes angeschafft. Dann Einweisung in die Psychiatrie- denn irgendwo ist Ali inzwischen „Etwas“ abhanden gekommen: Sein Stolz, seine Heimat, seine Sprache?
Oder doch seine Seele?
„Ali“ Alberto Fortuzzi und sein Alter ego, der Seelenvogel mit den gestutzten Schwingen (einfühlsam: Uwe Volkert), erzählen unter der Regie von Winni Victor ihre Geschichte behutsam. Hier ein kleines Freudentänzchen, dort ein Aufblitzen der Augen, mal ein verstecktes Weinen oder ein Hauch von Erschöpfung. Für den Mann im blauen Nadelstreifen wird der Raum zum Vogelkäfig, aus dem nur ein Minuten- Ausbruch in den Zuschauerraum gelingt.
Bektas, schon 1982 mit dem Erlanger Kulturförderpreis ausgezeichnet und Seele seines literarischen Theatercafes, weiß um die Not seiner Landsleute im 50- Quadratmeter- Deutschland.
Schade, das sein „Etwas“ etwas spät das Licht der Bühnenwelt erblickte.
U.M.
ABENDZEITUNG
Freitag, 12.Mai 2000 |
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Freude über gelungenes Debüt
Debüt geglückt und große Freude nach der Premiere: In der Garage wurde „Etwas“, das erste Theaterstück von Habib Bektas unter der Regie Winni Victors mit Alberto Fortuzzi und Uwe Volkerts uraufgeführt.Der Romancier, Lyriker und Wirt des Theatercafes war nach der Aufführung noch ganz beeindruckt und positiv betroffen: „Ich weiß nicht, ob bei diesem Stück der Ausdruck „schön“ angebracht ist, aber es war auf jeden Fall mehr als schön.“ Als Gewinn bezeichnet Bektas die Umsetzung seiner auf Deutsch geschriebenen Vorlage („ich habe viel am Text gearbeitet“) auf die Bühne: „wenn jemand anderes als der Autor ein Werk von der Kunstebene Literatur auf eine andere Kunstebene überträgt, empfinde ich das als Bereicherung.
Weitere Vorstellungen: 18., 19. und 20. Mai, jeweils um 20 Uhr in der Garage.
m.k.
Erlanger Nachrichten
Freitag, 12.Mai 2000
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Auf der Suche nach dem „Etwas“
Habib Bektas erstes Theaterstück wurde in Erlangen uraufgeführt
Geschichte eines türkischen Emigranten wird in einfühlsamer Inszenierung erzählt
„Verstehen bringt Unruhe“, denn wer versteht, kann nicht umhin, zu handeln. Doch wer versteht, kann auch verzweifeln. Es ist diese Begierde nach Wissen, die Menschen in sich selbst eintauchen lässt, die sie zwingt nach dem Warum, nach dem Woher, nach dem Wohin zu fragen. Auch nach dem „Etwas“: Wo bitte, geht’s zur Klarheit?
Es geht in die Gummizelle. Ort der Fragen, deren Antworten wieder Fragen gebären. Ali, ein türkischer Emigrant, fädelt in Rückblenden seine Geschichte auf. Sein Zellengenosse, „der Andere“ unterbricht, unterstützt und manipuliert ihn dabei. Wir haben es mit Zweiflern zu tun, zweifelsohne. Das Garagentheater in Erlangen wird zum klaustrophobischen Ort mit einem Tor zur Welt, die irgendwo in Anatolien begraben liegt. Intendant der Geschichte, der Kneipier, Schriftsteller und Emigrant: Habib Bektas. Internationalistisch Literaturinteressierten längst ein Begriff. Bektas, Kulturförderpreisträger der Stadt Erlangen, Träger des Inkilap-Literaturpreises erzählt auch seine Geschichte: die türkische in Deutschland. Die chronologischen Parallelen sind verblüffend. Die Protagonisten in Bektas erstem Theaterstück sind wir alle.
Gelobtes (Deutsch-) Land
Ali (Alberto Fortuzzi) sucht nach dem „Etwas“, das er verloren hat. Als ihm bewusst wird, dass dieses „Etwas“ vorher da war, vermisst er es. Der Antwort darauf, wie dieses „Etwas“ auszusehen hat, wird sich in einem Psychogramm des Akteurs lediglich angenähert. Es gibt keine Antwort, es gibt nur ein Gefühl: Da ist die Kindheit Alis in Anatolien, die ärmlich und von klaren Familienstrukturen geprägt ist. Da ist die Liebe, da ist der Abschied in das gelobte (Deutsch-) Land, das Anfang der siebziger Jahre Menschen aus der Türkei an die Fließbänder holte, da ist der Konsumrausch, der ihn einfängt, das Geld und der Generationenkonflikt mit seinem Sohn. Da ist das Heimweh.
Er erzählt seine Geschichte, verwirft sie wieder, macht sich lustig. Er ist ein Irrer, an seine Verrücktheit erinnert ihn bohrend „der Andere“ (Uwe Volkert): ob Zellengenosse, Alter ego oder Moralinstanz, es bleibt der Fantasie der Zuschauer überlassen.
Doch Alis Fiktion ist seine Realität. Die Erzählungen formen sich zu bewegten Bildern, Fortuzzi gestikuliert, setzt an seinem türkischen Tanz Harmandah, bricht wieder ab. Jede Geste bewegt sich auf einer Metaebene. Die Studie ist sensibel und entblößt den zivilisationsgefügigen Menschen. Alis „Etwas“ ist nicht unbedingt ein Politikum. Es ist privat, es ist die Sache, die wir nicht mehr verstehen.
Winnie Viktor hat auf Bektas Vorlage mit einer einfühlsamen Inszenierung geantwortet. Daraus ist kein Sozial- und Politdrama geworden - obwohl in Stoff angelegt – sondern eine menschliche Tragödie, weil Gefühle zwar dechiffriert werden, aber nicht danach gehandelt werden kann. Sehenswert.
Karin Lederer
Nordbayerische Zeitung
Freitag, 12. Mai 2000
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Die Suche nach der Heimat
Ein Leben gerät aus den Fugen:
Habib Bektas` beachtliches Theater-Debüt „Etwas“
in Erlangen
Ein Mann erzählt, legt Rechenschaft ab, erinnert sich, versucht, sich seiner selbst zu vergewissern. Und er sucht nach dem Glück, dem großen, dem innigen, dem intensiven. Ali, der Türke aus Anatolien, ist auf der Suche nach dem „Etwas“.
Habib Bektas, der 1951 in der Türkei geborene, seit 1973 in Deutschland lebende Lyriker, Romancier und Wirt des Theatercafes in Erlangen, hat mit „Etwas“ sein erstes Theaterstück geschrieben. Es ist keine Autobiografie geworden, eher eine hoch konzentrierte Versuchsanordnung, ein komplexes Destillat aus Erfahrungen, das literarisch- theatrale Fallbeispiel einer verloren gegangenen Unschuld, das nun in der Erlanger Garage seine Uraufführung erlebte.
Verlorene Balance
Ali, ein begnadeter Geschichtenerzähler von der traurigen Gestalt, sitzt in einer geschlossenen Anstalt, und lässt sein Leben Revue passieren: Kindheit und Jugend in einem Dorf in der Türkei, Heirat nach altem Brauch, Sinn stiftende Traditionen.
Das „Paradies“ Deutschland lockt, Ali wird Fabrikarbeiter in Frankfurt. Er lässt seine Familie nachkommen, versucht angestrengt „deutsch“ zu werden, mit Mercedes, blonden Haaren und ohne Schnurbart. Doch das Gefühl, „etwas“ verloren zu haben (Heimat? Sprache?) wird übermächtig. Die innere Balance entgleitet ihm, sein Leben gerät aus den Fugen.
Habib Bektas begibt sich seinem Stück auf Spurensuche: Mosaiksteinartig puzzelt er für seine Hauptfigur eine Vita zusammen, die vom „Anderen“ (mit Umhang und Maske eine Art Verschnitt aus Commedia dell’ Arte- Gestalt und „Birdy“- Figur aus Alan Parkers gleichnamigen Film) in der Zelle abgerufen, abgefragt wird. Der „Andere“ ist gleichzeitig Antipode, Gegenentwurf, Körper gewordene, (scheinbar) geordnete Ratio, die den aufgewühlten Ali zu nachvollziehbaren Erkenntnissen drängen will.
Kalt und klinisch lässt Regisseurin Winni Victor das Licht auf die Szenerie im Minimalst- Bühnenbild scheinen: auf sich selbst zurück geworfen, gibt es kein Entrinnen aus dem philosophischen Dilemma, nicht für Ali, nicht für den „Anderen“.
Präzises Kammerspiel
Brillant und im besten Sinne anrührend spielt der Italiener Alberto Fortuzzi den Türken Ali- italienisch, mit viel ausdrucksstarker Gestik. Spannungsvoll gestaltet Fortuzzi die häufigen Monologe. Die Klaviatur der Gefühle gerät in diesem intimen Kammerspiel sehr präzise. Uwe Volkert trotzt der relativ undankbaren Rolle des „Anderen“ noch einige interessante Aspekte ab.
Kein ausweichen ist möglich: die Regie fokussiert nachgerade unbarmherzig den Blick auf das tragische Schicksal Alis, die straffe Dramaturgie bringt die Klimax des Textes, trotz einiger retardierender Schlenker, zur vollen Entfaltung.
Intelektueller Diskurs um Sprache und Heimat als veritabler Gefühls – Parcours :“Etwas“ ist keine papierene Kopfgeburt, sondern Theater der Emotionen. Ein beachtliches Debüt.
Manfred Koch
Erlanger Nachrichten
12.05.02
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