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Fotos: ©Bernd Böhner
aktualisiert am: 06.01.2004 0:27


Bibliografie

       

Vom Gastarbeiter zum Gast-Intellektuellen

Dostojewski im Handgepäck

Verlage sagen, Habib Bektas Migranten-Geschichten seien nicht spannend – sein Leben beweist das Gegenteil Von Olaf Przybilla

Erlangen – Vielleicht Frankfurt, vielleicht auch München. Irgendein deutscher Ort mit Flughafen ist es, wo Habib Bektas im Sommer 1973 in das fleischige Antlitz eines Abholers blickt. Der wählt aus dem sich feilbietenden Angebot einen Bauern, einen Friseur, einen Kellner und ihn, Habib Bektas, den Landarbeiter aus Izmir. Ein Kleinbus rattert anschließend eine große Straße entlang, als Habib nach gut zwei Stunden aufgefordert wird, auszusteigen, soll er sich sein erstes deutsches Wort merken. Später wird er über dieses Wort die Verse notieren: „Die erste Liebe in meiner zweiten Sprache / das erste Wort, das ich sprach, Silbe für Silbe: / Er-lan-gen.“ Aber soweit sind wir noch nicht.
Zunächst blickt sich nun der Landarbeiter in seinem neuen Zimmer mit den zwei Stockbetten um und sieht, was die anderen drei aus ihren Koffern holen. Wollstrümpfe der Bauer, der Friseur einen Spiegel und reichlich Kölnisch Wasser, der Kellner Pulversuppe, Tauchsieder und Teesieb. Nur der Kellner ist erfahrener Gastarbeiter, aus Bosnien ist er einst nach Istanbul gezogen, nun kommt er nach Deutschland und weiß, was man in den Zimmern mit Stockbett brauchen kann. Habib, der Landarbeiter, weiß das nicht. Als er seinen Dostojewski und Flaubert aus dem Handgepäck zieht, grinst sogar der Friseur. Alle vier helfen sie am nächsten Morgen bei der Produktion von Unterhosen in Erlangen.

Habibs Laufbahn als Gastarbeiter hat damit begonnen, und es soll eine für lange Zeit ganz und gar klassische Laufbahn bleiben: Bankrott des Textilbetriebs, danach Schichtarbeit in der Metallbranche, anschließend Gastronomie. Auffällig wird Habib Bektas erst 1981, als sein Name plötzlich in der Wochenzeitung DIE ZEIT steht, im Feuilleton. Ludwig Fels schreibt dort: „Ich freue mich über diese ungebändigte Stimme eines jungen türkischen Arbeiters in der deutschen Literatur, über diese radikal zärtlichen Gesänge. Ich begrüße Habib Bektas im Kreise derjenigen, die Ernst machen mit ihren Schmerzen, aufrichtig, verzweifelt, ihn, der das Zurückgelassene verteidigt mit seiner Zerrissenheit zwischen dem Land seiner Kindheit, wo der Bauch hungerte, und dem Jetzt, wo die Seele darbt.“


Wo der Bauch hungerte, in Salihli, neunzig Kilometer östlich von Izmir, wurde Habib 1951 als Sohn eines türkischen Gelegenheitsarbeiters geboren. Die Schule besucht er bis zur sechsten Klasse, dann erklärt er seinem Vater, wie grundsätzlich sinnlos so eine Schule ist. Der Vater sieht das völlig ein, Habib geht ohne Abschluss, verdingt sich auf einer Baumwollplantage, erntet aber immer so schnell, dass abends noch genügend Zeit für Tolstoi und Stendhal bleibt. Als er zwanzig Jahre alt ist, und immer noch ohne Schulabschluss, bewirbt er sich als Gerichtsdiener. Weil er schreiben kann wie kein anderer der Bewerber, nimmt ihn die Richterin zu sich. Achtzehn Monate lauscht er den Geschichten türkischer Taschendiebe und schreibt sie akribisch auf. Im Sommer 1973 sagt ihm die Richterin, dass er für mehr geboren ist. Habib nimmt seine Bücher und setzt sich in ein Flugzeug nach Deutschland.


Erlangen ist es dann geworden, weil der Kleinbus dort hielt. „Wenn ich meine Stadt küsse, Erlangen / bleibt die Spur einer Lippe auf dir zurück / die der anderen auf Salihli“, schreibt Bektas 1984 in seinem Band „Ohne dich ist jede Stadt eine Wüste“. Seit drei Jahren ist er da schon Gastronom, aber erst 1989 soll ihm das gelingen, was Bektas neben seiner Entscheidung zu schreiben als den wichtigsten Einschnitt in seinem Leben begreift: Die Eröffnung eines Caféhauses, das sich zum intellektuellen Zentrum der Universitätsstadt gemausert hat. Dort einen Nachmittag lang mit Bektas zu sprechen, ist nicht so einfach. Spätestens ab fünf Uhr drängen sich Maler, Professoren und Autorenkollegen um den ehemaligen Landarbeiter und verlangen nach dessen türkischem Kaffee. Später kommt dann das Theatervolk, schon weil das Caféhaus eine Tür mit dem Kammerspiel des städtischen Theaters teilt. Hat man Pech, dreht sich alles nur noch um Bektas, weil der Wirt gleichzeitig Autor des Stückes ist, das nebenan zur Uraufführung kommt. Am 16. Dezember 2003 war es wieder so weit, „Sirin wünscht sich einen Weihnachtsbaum“, hieß das Stück, wunderbares Kindertheater.


Der Mann, der als Habib Tektas auf die Welt kam, den aber sein erster Verleger aufgrund eines Lesefehlers als Bektas publizierte, dieser Mann ist hierzulande bislang nur als Lyriker und Kinderbuchautor bekannt. Ganz anders in der Türkei, wo er als Romancier drei renommierte Preise bekommen hat, darunter als erster „Deutschländer“ den Romanpreis des Instituts für türkische Sprache. Erst zweimal in seinem Leben hat Bektas, der fließend Deutsch spricht, kürzere Theatertexte in deutscher Sprache geschrieben. „Die Wiegenlieder“, so erklärt er das, „habe ich von meiner Mutter auf Türkisch gesungen bekommen. Mein Vater drückte seine Klagen und seine Wut auf das Elend immer auf Türkisch aus. Das Lächeln des Mädchens damals an der Straßenecke habe ich auf Türkisch wahrgenommen. Dieses Gefühl kann ich nur mit den winzigen Gewichten der türkischen Sprache auf der Waagschale des Wortes wiegen.“


Bektas lakonische Verse kreisen um sein Leben in Deutschland und sind allesamt übersetzt. Seine Romane freilich spielen in der Türkei, werden dort vom größten zeitgenössischen Verlag des Landes zu Tausenden verkauft, liegen aber bislang nicht auf Deutsch vor. Sie erzählen die Geschichten von Arbeitsemigranten – ein Thema, von dem deutsche Verlage dem Schriftsteller Bektas sagen, es sei für Leser hierzulande „nicht spannend genug“. Ein Satz, der im Erlanger Theatercafé besonders merkwürdig klingt.


Sueddeutsche Zeitung
5.1.2004

     
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©Ralf Bergmann