Vom Gastarbeiter zum Gast-Intellektuellen
Dostojewski im Handgepäck
Verlage sagen, Habib Bektas Migranten-Geschichten
seien nicht spannend – sein Leben beweist das Gegenteil Von
Olaf Przybilla
Erlangen – Vielleicht Frankfurt,
vielleicht auch München. Irgendein deutscher Ort mit Flughafen
ist es, wo Habib Bektas im Sommer 1973 in das fleischige Antlitz
eines Abholers blickt. Der wählt aus dem sich feilbietenden
Angebot einen Bauern, einen Friseur, einen Kellner und ihn, Habib
Bektas, den Landarbeiter aus Izmir. Ein Kleinbus rattert anschließend
eine große Straße entlang, als Habib nach gut zwei Stunden
aufgefordert wird, auszusteigen, soll er sich sein erstes deutsches
Wort merken. Später wird er über dieses Wort die Verse
notieren: „Die erste Liebe in meiner zweiten Sprache / das
erste Wort, das ich sprach, Silbe für Silbe: / Er-lan-gen.“
Aber soweit sind wir noch nicht.
Zunächst blickt sich nun der Landarbeiter in seinem neuen Zimmer
mit den zwei Stockbetten um und sieht, was die anderen drei aus
ihren Koffern holen. Wollstrümpfe der Bauer, der Friseur einen
Spiegel und reichlich Kölnisch Wasser, der Kellner Pulversuppe,
Tauchsieder und Teesieb. Nur der Kellner ist erfahrener Gastarbeiter,
aus Bosnien ist er einst nach Istanbul gezogen, nun kommt er nach
Deutschland und weiß, was man in den Zimmern mit Stockbett
brauchen kann. Habib, der Landarbeiter, weiß das nicht. Als
er seinen Dostojewski und Flaubert aus dem Handgepäck zieht,
grinst sogar der Friseur. Alle vier helfen sie am nächsten
Morgen bei der Produktion von Unterhosen in Erlangen.
Habibs Laufbahn als Gastarbeiter hat damit begonnen, und es soll
eine für lange Zeit ganz und gar klassische Laufbahn bleiben:
Bankrott des Textilbetriebs, danach Schichtarbeit in der Metallbranche,
anschließend Gastronomie. Auffällig wird Habib Bektas
erst 1981, als sein Name plötzlich in der Wochenzeitung DIE
ZEIT steht, im Feuilleton. Ludwig Fels schreibt dort: „Ich
freue mich über diese ungebändigte Stimme eines jungen
türkischen Arbeiters in der deutschen Literatur, über
diese radikal zärtlichen Gesänge. Ich begrüße
Habib Bektas im Kreise derjenigen, die Ernst machen mit ihren Schmerzen,
aufrichtig, verzweifelt, ihn, der das Zurückgelassene verteidigt
mit seiner Zerrissenheit zwischen dem Land seiner Kindheit, wo der
Bauch hungerte, und dem Jetzt, wo die Seele darbt.“
Wo der Bauch hungerte, in Salihli, neunzig Kilometer östlich
von Izmir, wurde Habib 1951 als Sohn eines türkischen Gelegenheitsarbeiters
geboren. Die Schule besucht er bis zur sechsten Klasse, dann erklärt
er seinem Vater, wie grundsätzlich sinnlos so eine Schule ist.
Der Vater sieht das völlig ein, Habib geht ohne Abschluss,
verdingt sich auf einer Baumwollplantage, erntet aber immer so schnell,
dass abends noch genügend Zeit für Tolstoi und Stendhal
bleibt. Als er zwanzig Jahre alt ist, und immer noch ohne Schulabschluss,
bewirbt er sich als Gerichtsdiener. Weil er schreiben kann wie kein
anderer der Bewerber, nimmt ihn die Richterin zu sich. Achtzehn
Monate lauscht er den Geschichten türkischer Taschendiebe und
schreibt sie akribisch auf. Im Sommer 1973 sagt ihm die Richterin,
dass er für mehr geboren ist. Habib nimmt seine Bücher
und setzt sich in ein Flugzeug nach Deutschland.
Erlangen ist es dann geworden, weil der Kleinbus dort hielt. „Wenn
ich meine Stadt küsse, Erlangen / bleibt die Spur einer Lippe
auf dir zurück / die der anderen auf Salihli“, schreibt
Bektas 1984 in seinem Band „Ohne dich ist jede Stadt eine
Wüste“. Seit drei Jahren ist er da schon Gastronom, aber
erst 1989 soll ihm das gelingen, was Bektas neben seiner Entscheidung
zu schreiben als den wichtigsten Einschnitt in seinem Leben begreift:
Die Eröffnung eines Caféhauses, das sich zum intellektuellen
Zentrum der Universitätsstadt gemausert hat. Dort einen Nachmittag
lang mit Bektas zu sprechen, ist nicht so einfach. Spätestens
ab fünf Uhr drängen sich Maler, Professoren und Autorenkollegen
um den ehemaligen Landarbeiter und verlangen nach dessen türkischem
Kaffee. Später kommt dann das Theatervolk, schon weil das Caféhaus
eine Tür mit dem Kammerspiel des städtischen Theaters
teilt. Hat man Pech, dreht sich alles nur noch um Bektas, weil der
Wirt gleichzeitig Autor des Stückes ist, das nebenan zur Uraufführung
kommt. Am 16. Dezember 2003 war es wieder so weit, „Sirin
wünscht sich einen Weihnachtsbaum“, hieß das Stück,
wunderbares Kindertheater.
Der Mann, der als Habib Tektas auf die Welt kam, den aber sein erster
Verleger aufgrund eines Lesefehlers als Bektas publizierte, dieser
Mann ist hierzulande bislang nur als Lyriker und Kinderbuchautor
bekannt. Ganz anders in der Türkei, wo er als Romancier drei
renommierte Preise bekommen hat, darunter als erster „Deutschländer“
den Romanpreis des Instituts für türkische Sprache. Erst
zweimal in seinem Leben hat Bektas, der fließend Deutsch spricht,
kürzere Theatertexte in deutscher Sprache geschrieben. „Die
Wiegenlieder“, so erklärt er das, „habe ich von
meiner Mutter auf Türkisch gesungen bekommen. Mein Vater drückte
seine Klagen und seine Wut auf das Elend immer auf Türkisch
aus. Das Lächeln des Mädchens damals an der Straßenecke
habe ich auf Türkisch wahrgenommen. Dieses Gefühl kann
ich nur mit den winzigen Gewichten der türkischen Sprache auf
der Waagschale des Wortes wiegen.“
Bektas lakonische Verse kreisen um sein Leben in Deutschland und
sind allesamt übersetzt. Seine Romane freilich spielen in der
Türkei, werden dort vom größten zeitgenössischen
Verlag des Landes zu Tausenden verkauft, liegen aber bislang nicht
auf Deutsch vor. Sie erzählen die Geschichten von Arbeitsemigranten
– ein Thema, von dem deutsche Verlage dem Schriftsteller Bektas
sagen, es sei für Leser hierzulande „nicht spannend genug“.
Ein Satz, der im Erlanger Theatercafé besonders merkwürdig
klingt.
Sueddeutsche Zeitung
5.1.2004
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